Dienstag, Januar 31, 2012

The Descendants

In den ersten Sekunden von „The Descendants“ sieht man Elizabeth King fröhlich über die Kinoleinwand Wasserski fahren. Es wird das letzte Mal sein, dass wir eine Gefühlsregung von ihr sehen. Denn nach einem Unfall mit eben jenem Boot liegt Elizabeth im Koma und auf einmal obliegt es ihrem Ehemann Matt (George Clooney), sich um die beiden Töchter Scottie (Amara Miller) und Alexandra (Shailene Woodley) zu kümmern. Neben den Sorgen um seine Frau muss Matt sich außerdem um eine weitere Familienangelegenheit kümmern: Als Nachfahre einer hawaiianischen Königsfamilie verwaltet Matt ein Riesenstück unberührtes Land auf der Nachbarinsel, welches er im Namen der Familie möglichst gewinnbringend verkaufen will. Und als wäre das noch nicht genug, muss er zudem verkraften, dass seine Frau in betrogen hat und verlassen wollte.

Alexander Payne, Regisseur von „About Schmidt“ und „Sideways“, zeigt mit „The Descendants“ einen erstaunlich warmherzig wie konventionell realistischen Film, der sowohl Lacher wie Tränendrüsenmomente auf. Der Zuschauer fragt sich gemeinsam mit Matt des öfteren, wie man selbst wohl an seiner Stelle reagieren würde. Und teilweise bleiben diese Fragen auch offen.

George Clooney in der oscarverdächtigen Rolle des Matt King sieht adrett aus und hat einen guten Job, aber eigentlich scheint bisher alles Wichtige an ihm vorbei gegangen zu sein. Selten hat man Clooney so wenig Autorität ausstrahlen sehen wie hier. Das Leben dieses Matt King droht an allen Ecken und Enden auseinanderzubrechen, nichts ist mehr wie es schien. Von seiner Frau betrogen, von der 17-jährigen Tochter Alex nicht ernstgenommen, als Ersatzelternteil verspottet und von der Familie unter Druck gesetzt, muss sich Matt mit bitteren Wahrheiten einer ungeahnten familiären Parallelwelt auseinandersetzen. Clooney ist hier aber nicht der gewohnt eiskalte Beau, der Chaos routiniert managt, sondern er trägt geschmacksresistente Hawaii-Hemden und graue Bundfaltenhosen, sein Silberhaar ist diesmal etwas weniger gut sortiert als gewohnt – und er hat die Dinge keineswegs unter Kontrolle. Clooneys besondere Leistung ist es aber, dass Matt seine Würde nie verliert. Seine Filmtöchter Amara Miller und Shailene Woodley liefern ebenfalls starke, da vollkommen natürliche Performances ab. Erwähnenswert sind auch die zwei kurzen Auftritte von B-Film-Fossil Robert Foster (Tarantino lässt grüßen) als Matts verbitterter Stiefvater. Wie seine unbändige (und ungerechte) Wut in tiefe hilflose Trauer umschlägt, das ist schon ziemlich beeindruckend gespielt. Wie sehr man bei diesem Film auf Zwischentöne achten muss, wird sehr schön an der Figur des Sid deutlich, Freund von Tochter Alexandra und treuer Begleiter auf der Road-Tour von Matt und seinen Töchtern. Auf den ersten Blick ein unreifer Spaßvogel, den man sich nicht als Schwiegersohn wünschen kann, welcher aber nach einigen kurzen Dialogzeilen während eines nächtlichen Zwiegesprächs mit Matt in einem anderen Licht erscheint.

„The Descendants“ ist unspektakuläres, aber sehr gut umgesetztes Autorenkino, rührende Momente ohne Kitsch. Payne entlarvt die großen und kleinen Schwächen seiner Figuren, begegnet ihnen aber dennoch immer mit entwaffnender Sympathie. Damit wird auch klar, warum die Tragikomödie als einer der großen Favoriten ins Oscar-Rennen 2012 geht. Dazu kommt der ungewöhnliche Handlungsort Hawaii, der hier genau richtig abgefilmt wird: Nicht zu sehr dem Postkartenmotiv verschrieben, aber auch nicht mutwillig anti-romantisch, sondern mit realistischem Blick auf Land und Leute.


The Descendants
Regie: Alexander Payne
Drehbuch: Alexander Payne, Nat Faxon, Jim Rash
Cast: George Clooney, Shailene Woodley, Amara Miller, Nick Krause, Robert Foster, u.a
Spielzeit: 115 Minuten
Kinostart: 26. Januar 2012
Homepage: http://www.the-descendants.de