Freitag, August 21, 2015

Der WDR zensiert sich selbst in die Überflüssigkeit

Am 2. März wurde Fernsehgeschichte geschrieben. Allerdings – wie so oft bei zeithistorischen Momenten – hat sich die Bedeutung dieses Moments erst zu einem späteren Zeitpunkt offenbart. Konkret brauchte es rund fünf Monate, nämlich den 18. August. Was war passiert? An diesem Tag trat der WDR-Rundfunkrat zusammen, um u.a. über Beschwerden von vor allem Frauenverbänden an der „Hart aber fair“-Sendung „Nieder mit den Ampelmännchen – Deutschland im Gleichheitswahn?“ zu beraten und befinden mit dem Ergebnis, dass diese aus der ARD-Mediathek entfernt wird, weil „Die Sendung (…) zu Programmbeschwerden und zahlreichen Protestbriefen geführt [hatte]. Die Redaktion musste zur Kenntnis nehmen, dass viele Frauen die Sendung offenbar anders empfunden haben, als sie gemeint war. Die Auswahl der Gäste und die Gesprächsleitung waren für die Ernsthaftigkeit des Themas nicht ausreichend.", so die Vorsitzende Ruth Hieronymi. Besagte Sendung – ich hatte sie damals selbst live gesehen und auch so manchen Tweet dazu abgesetzt – war in der Tat vor allem für die Beschwerdeführer sicher nicht vergnügungsteuerpflichtig. Die Sendung war auch insgesamt keine Sternstunde des Polittalks. Man kann jetzt aber auch nicht behaupten, dass sie über Gebühr niveauloser als so manch andere Polit-Talkshows war, die uns so alltäglich von unseren Rundfunkgebühren präsentiert werden. Ich möchte zum Beispiel nicht in den von mir ungefragt mit finanzierten Fernsehformaten Vertreter von AfD, Pegida oder andere mit unseren Grundwerten fremdelnden dubiose Personen ihre Meinung kundtun sehen – auch nicht im Nachgang in der Mediathek. Wenn es nun aber Schule macht, dass nicht mehr das Abwägen und Erdulden anderer Meinungen, sondern das Wohlgefallen einzelner Interessengruppen ausschlaggebend ist für Ausstrahlung und Dokumentation eines Sendeformats, steuern wir schweren Zeiten entgegen. Oder, um es mit den Worten des innenpolitischen Sprechers der SPD, Burkhard Lischka, zu sagen: „Wenn künftig all das entfernt wird, was irgendeinem nicht gefällt, dann haben wir bald leere Mediatheken. Der WDR hat sich mit dieser Entscheidung einen Bärendienst erwiesen. Wo eine eigentlich richtige und wichtige Diskussion für unsere Gesellschaft geführt werden müsste, klappt der Sender die Rollläden runter. Das ist nicht nur deshalb abstrus, weil das – zugegeben konfliktträchtige – Thema trotzdem oder sogar erst Recht weiterhin bestehen bleibt. Es ist auch abstrus, wenn man sich vergegenwärtigt, was für eine Sichtweise auf die neuen Medien es offenbart. Denn natürlich bleibt die Sendung auch ohne die ARD-Mediathek weiter für jedermann/-frau online abrufbar, und zwar auf so ziemlich jedem gängigen Videoportal; youtube & Co. lassen grüßen. Dort aber vermutlich nur auszugsweise und aus den Zusammenhängen gerissen, ohne dass sich der Zuschauer einen Gesamteindruck von der Diskussion machen kann oder der WDR argumentativ oder auch nur moderierend irgendwie in die Debatte eingreifen kann. Gesellschaftlich relevante Debatten finden zukünftig dann eben ohne die größte deutsche Landesrundfunkanstalt statt. Stellt sich die Frage, wozu es einer solchen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt, von den Bürgerinne und Bürgern finanziert, dann überhaupt noch braucht, wenn die relevanten Debatten hier nicht geführt, sondern ausgeblendet werden.

Edit (24.08.15): Mit dieser Stellungnahme macht es der WDR noch absurder. Eine Sendung, die vermeintlich quasi nicht mehr abgerufen wird, aber von allen auf Nachfrage angefordert werden kann, verschwindet, um ein Remake zu drehen?

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