Samstag, Oktober 10, 2015

„Er ist wieder da“

„Er ist wieder da“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Debütromans von Timur Vermes. Der Roman erschien 2012 und erklomm direkt die Bestsellerlisten. Auch ich gehörte zu den begeisterten Käufern und Lesern. Drei Jahre später verfilmte nun David Wnendt die Satire, in der Adolf Hitler im Jahre 2011 mitten in Berlin wieder ins Leben zurückkehrt.

Adolf Hitler (Oliver Masucci) erwacht 69 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mitten in Berlin. Was ist mit Deutschland in der Zwischenzeit geschehen? Überall Ausländer, Demokratie und Euros, das gefällt dem Ex-Diktator gar nicht. Doch niemand glaubt, dass er wirklich zurückkehrt ist, alle halten ihn für einen Imitator und Komiker – einen verdammt witzigen. Ein Kioskbesitzer (Lars Rudolph), der dem obdachlosen Hitler zeitweise Unterschlupf gewährt, vermittelt ihn an die Fernsehproduzenten Sensenbrink (Christoph Maria Herbst – ausnahmsweise nicht selbst der Hitler) und Sawatzki (Fabian Busch). Senderchefin Bellini (Katja Riemann) kann schnell davon überzeugt werden, dass sie potentielles Comedy-Gold vor sich hat. Hitler bekommt ein Büro, und kurz nachdem ihm seine neue Sekretärin Fräulein Krömeier (Franziska Wulf) erklärt hat, was eine Computermaus ist und wie man ins „Internetz“ kommt, weiß Hitler schon genug über die Gegenwart, um reichlich Munition für seine Bühnenauftritte zu haben. Alle bekommen ihr Fett weg – Politik (nur die heimatverbundenen Grünen finden Gnade vor dem neuen Hitler!), Deutschtümler und ewig Gestrige, Neo-Nazis sowieso, aber auch der einfache Mann auf der Straße, der sich nach mehr Disziplin und Ordnung sehnt. Und natürlich nicht zuletzt die quotengeilen, gewissensbefreiten Medien, die für den großen Hit selbst einen massenmordenden Diktator exhumieren würden. Es dauert nicht lange, und er ist wieder da…

Darf man das? Hitler, die schiere Ausgeburt des Bösen, karikieren und womöglich dabei auch noch verharmlosen? Diese Frage beantwortete schon Charlie Chaplins famose Satire „Der große Diktator“ und viele Nachahmer positiv. Und das gilt auch 75 Jahre später noch. Regisseur David Wnendt bewegt sich, dessen bewusst, aber auf moralisch nochmal gefährlicherem Feld, wenn er den Zuschauer nicht über, sondern mit Hitler lachen lässt. Das Abschwächen schadet der Wirkung der scharfen Satire aber kaum, denn „Er ist wieder da“ ist über weite Strecken beängstigend komisch, was echte Reaktionen auf den falschen Hitler sogar noch verstärken. Neben der fiktiven Spielfilmhandlung um Hitlers Aufstieg zum Comedy-Star und Machtkämpfe im TV-Sender finden sich nämlich mehrere improvisierte Szenen, in denen Oliver Masucci als Hitler auf reale Menschen trifft – auf dem Hundeplatz, in der Benimmschule, bei lokalen Parteiveranstaltungen oder einfach auf der Straße. Was da noch so alles an verloren geglaubtem rechtsnationalem Gedankengut schlummert, ist beunruhigend und seit der Pegida-Bewegung inzwischen sogar öffentlich nicht mehr zu leugnen. Aber auch die „gemäßigteren“ Reaktionen in der typischen Es-war-ja-früher-nicht-alles-schlecht-Geisteshaltung sind öfter als einem lieb ist, erschreckend. Der „neue“ Hitler hält weitgehend an seinen menschenverachtenden Thesen fest, diese kommen aber als Comedy getarnt daher und verfehlen ihre Wirkung nicht. Je länger Wnendts Film dauert, desto mehr wird aus diesem Hitler, der einst eine reale Figur war und dann zur Projektionsfläche für professionelle Warner und professionelle Spaßmacher wurde, eine Art Adolphe provocateur: Er liefert die Stichworte und öffnet damit bei seinen Zuhörern die Schleusen zu ihren wahren Gefühlen und Überzeugungen, die bisher von dem Pfropfen der politischen Korrektheit unter Verschluss gehalten worden waren.

Die Entscheidung, Hitler mit dem einer größeren Öffentlichkeit unbekannten Burgtheater-Star Oliver Masucci („Madonnen“) zu besetzen, ist goldrichtig. „Standard-Hitler“ Christoph Maria Herbst („Stromberg“), der den Adolf(-Verschnitt) schon in den beiden „Wixxer“-Filmen sehr überzeugend gab und auch Vermes‘ Hörbuch zu „Er ist wieder da“ vertonte, bleibt außen vor. Er bekommt dafür eine Nebenrolle als Intrigant Sensenbrink. Masucci versteht es, nicht zu überziehen, in keiner Sekunde. Das macht das Phänomen noch unheimlicher. Mit seiner imposanten Statur von 1,88 Metern Größe gleicht er dem realen (kleinen) Hitler körperlich nicht einmal, dafür wirkt er umso einschüchternder. Den Sprachduktus hat er sich perfekt angeeignet.

Wnendt ist es mit dieser Verfilmung gelungen, dem satirischen Charakter des Buchs noch eine Prise Ernst beizufügen, vor allem durch die Vielzahl an dokumentarischen Szenen. Hier kann der Zuschauer erahnen, was passieren würde, wenn „Er“ heute unter uns wäre und wie seine Botschaften bei der Bevölkerung Widerhall finden würden. Um das überdeutlich zu machen, setzt Regisseur Wnendt am Ende auch nochmal ein politisch aktuelles Statement, das über den Schluss des Buchs hinausgeht, um es niemanden all zu leicht zu machen, mit der Figur Adolf Hitler und seinen Äußerungen zu sympathisieren. Die Sequenz, vor der man besonders fassungslos steht, sieht Hitler im offenen Wagen durch Berlin fahren und huldvoll den Bürgern links und rechts der Route zuwinken. Und sie winken zurück, Frauen und Männer, Alt und Jung, Deutsche und Türken, manche heben verlegen lächelnd die Hand zum Gruße, natürlich völlig falsch, wie ein Zitat, das man aus den Tiefen des Gedächtnisses hervorkramt. Er führt damit die Leute vor und nicht den Führer, wenn er sein Publikum mit und nicht über Adolf Hitler lachen lässt und diese den ihnen vorgehaltenen Spiegel nicht erkennen. Damit nimmt man gedanklich etwas mit auf den Heimweg und kann sich selbst reflektieren, wie es denn wäre, wenn „Er“ – oder auch jemand anderes – wieder da wäre.


 

Regie: David Wnendt
Drehbuch: David Wnendt, Mizzi Meyer
Cast: Oliver Masucci, Fabian Busch, Christoph Maria Herbst, Katja Riemann, Franziska Wulf, u.a.
Spielzeit: 110 Minuten

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