Mittwoch, November 04, 2015

James Bond 007: Spectre

Geheimdienst-Chef M (Ralph Fiennes) gerät unter Druck. Max Denbigh (Andrew Scott), der neue Leiter des Centre for National Security, zweifelt an der Relevanz des MI6 – und an der des besten Mannes im Hause: James Bond (Daniel Craig). 007 ist gerade wieder auf einer nicht genehmigten Solo-Mission unterwegs – diesmal in Mexiko City – nachdem er eine kryptische Nachricht aus seiner Vergangenheit erhielt. Danach trifft er in Rom Lucia Sciarra (Monica Bellucci), die hübsche, eiskalte Witwe eines berühmten Kriminellen, mit deren Hilfe er einer finsteren Geheimorganisation namens „Spectre“ auf die Spur kommt. Bond bittet Moneypenny (Naomie Harris) und den Technikexperten Q (Ben Wishaw), ihm dabei zu helfen, die Tochter seines alten Erzfeindes Mr. White (Jesper Christensen, bekannt aus „Ein Quantum Trost“) aufzuspüren: die Ärztin Madeleine Swann (Léa Seydoux). Nur sie hat die entscheidende Information, das Mysterium hinter Spectre zu lüften und den mysteriösen Mann (Christoph Waltz) dingfest zu machen, der an der Spitze der Organisation steht und einen ganz persönlichen Bezug zu James Bond hat…

„James Bond will return“. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche – seit 1962 ist darauf Verlass. Zum offiziell 24. Mal zieht der Geheimagent ihrer Majestät in Sam Mendes‘ „Spectre“ – nach dem Publikums- und Kritikererfolg „Skyfall“ dessen zweite Bond-Verfilmung –  in den Kampf, um ein weltumspannendes Verbrechersyndikat aufzuhalten. Erzählerisch schließt sich ein Kreis: Was in „Casino Royale“ begonnen, mit „Ein Quantum Trost“ fortgeführt wurde und in „Skyfall“ einen emotionalen Höhepunkt fand, wird mit „Spectre“ nun zu einem logischen Ende gebracht. Wegen dieser geschlossenen und gelungenen Storyline bleibt auch zu befürchten, dass Daniel Craig kein fünftes Mal als 007 vor die Kamera treten wird – und was zu bedauern wäre.

Denn das Spektakel, aber auch die von Craig neu interpretierte Figur des britischen Geheimagenten, funktioniert über weite Strecken ganz prächtig und macht eine Menge Spaß. So ist die Eröffnungssequenz in den Straßen von Mexiko-Stadt während des Fests der Toten der bombastischste Auftakt, der bisher in einem Bond-Film zu sehen war (und eine von vielen in diesem Film versteckten schönen Hommagen an seine Vorgänger): Tausende von Statisten, einstürzende Gebäude, ein Todeskampf im Hubschrauber – das ist großes Kino. Von diesen gigantischen Actionnummern hat „Spectre“ gleich ein halbes Dutzend zu bieten. Ob zu Fuß, im Hubschrauber, im Flugzeug, im Sportflitzer oder im Zug, egal ob in Rom, im österreichischen Altaussee, im marokkanischen Tanger oder in London: Das Tempo ist immer hoch, die Schlagkraft der Action enorm und die wie immer rund um den Globus verstreuten Schauplätze stehen damit im doppelten Sinne für die beeindruckenden Schauwerte eines ganz und gar unbescheidenen Films.

Einmal mehr bietet der blonde Brite Daniel Craig eine Top-Leistung. Jede Geste und jeder Oneliner sitzt mit größter Selbstverständlichkeit – ganz wie zu Zeiten von Sean Connery und Roger Moore. Die mentalen Probleme aus „Skyfall“ werden nicht mehr thematisiert, Bond ist nun einfach ein kompromissloser und gefühlskalter Attentäter. Zugleich ist er aber auch ein Dinosaurier im modernen Geheimdienstbetrieb. Sein Typ ist beim neuen starken Mann im Hintergrund nicht mehr gefragt: Die Zukunft gehört der Überwachungstechnik. Diese „Systemfrage“ gibt „Spectre“ erzählerische Zugkraft und einen aktuellen weltpolitischen Bezug.

Mit dem zweifachen Oscarpreisträger Christoph Waltz („Inglourious Basterds“, „Django Unchained“) tritt ein hochdekorierter Schauspieler in die große Tradition der Bond-Bösewichte ein. Der schillernde Deutsch-Österreicher passt sich gut ein, launig wie eh und je pendelt er zwischen Genie und Wahnsinn. Durch Waltz‘ unwiderstehliches Charisma („James, what took you so long?“) wird dieser seltsame Franz Oberhauser letztlich zu einem würdigen 007-Gegner. Die Frage, ob sich hinter ihm tatsächlich wie im Vorfeld vielfach vermutet, der Erzbösewicht Ernst Stavro Blofeld verbirgt, der 007 bereits sieben Mal (das inoffizielle Sean-Connery-Comeback „Sag niemals nie“ mitgezählt) das Leben schwer machte, wird eindeutig beantwortet, sie ist aber für den Film selbst gar nicht so wichtig. Viel bedeutsamer ist der erzählerische Bogen, der in diesem Zusammenhang gespannt wird: Durch ihn werden alle bisherigen Craig-Bonds zu einer zusammenhängenden Tetralogie verknüpft.

Bonds Geplänkel mit dem anderen Geschlecht wirken nebensächlicher als sonst. Monica Bellucci, deren Mitwirken als bisher ältestes und selbstbewusstes Bond-Girl zwar groß beworben wurde, absolviert tatsächlich nicht viel mehr als einen besseren Gastauftritt. Besser schneidet hier Lea Seydoux („Blau ist eine warme Farbe“, „Die Schöne und das Biest“) ab, die ihrer Figur eine nicht nur behauptete Mischung aus Stärke und Verletzlichkeit verleiht und auch aufgrund ihres Lebensumfelds als Tochter eines Auftragmörders als verständnisvolle und geeignete Partnerin an der Seite eines James Bond erscheint, vielleicht sogar als dauerhafte.

Es gehört eben zu einem Bond-Film wie der Wodka Martini, die Gadgets, die schnellen Autos und der Titelsong. Der heißt hier „Writings On The Wall“ und wird gesungen von Sam Smith (der für die Komposition angeblich nur 20 Minuten brauchte, was man ihr nach Meinung des Rezensenten auch anhört). Immerhin punktet Ben Whishaw („Das Parfum“) als nerdiger Quartiermeister Q mit trockenen Sprüchen und Ralph Fiennes („Der englische Patient“) sammelt als M Sympathiepunkte. Zudem stürzt sich Dave Bautista („Guardians Of The Galaxy“) als tumber Scherge Mr. Hinx in der Tradition des „Beißers“ Richard Kiel (auch wenn dieser konkurrenzlos ist) durchschlagskräftig in jeden Zweikampf. Und auch eine ganz bestimmte weiße Katze hat ihren besonderen Auftritt...

So können sich an diesem Film sowohl die Nostalgiker und Kenner der am längsten laufenden Kinoreihe überhaupt ergötzen, als auch eine Menge neuer Fans gewonnen werden. In diesem Sinne: „Bond will return.“


Original: Spectre
Regie: Sam Mendes
Drehbuch: John Logan, Neal Purvis, Robert Wade
Cast: Daniel Craig, Léa Seydoux, Christoph Waltz, Naomie Harris, Ben Whishaw, Ralph Fiennes, David Bautista, Monica Bellucci, Andrew Scott, u.a.
Spielzeit: 148 Minuten

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