Sonntag, Dezember 27, 2015

Star Wars: Das Erwachen der Macht

Jeder hat eine zweite Chance verdient. Meine zweite Chance verdient Star Wars. Es war das letzte Jahr des letzten Jahrtausends, als ich mir mit Episode I erstmals im Kino einen Star Wars-Film angeschaut und dabei den Zauber vermisst habe, von dem mir alle Star Wars-Fans zuvor immer vorgeschwärmt hatten. Für die Episoden IV-VI war ich nämlich leider zu jung, um mich selbst live im Kino in diesen Bann ziehen zu lassen. Dafür sorgten dann zigfach Wiederholungen in TV und auf VHS. Und da sind wir nun also. Disney, das mittlerweile die Filmrechte an Star Wars von George Lucas erworben hat, vertraute die Fortsetzung der Saga J.J. Abrams an, der schon der "Star Trek"-Franchise behutsam, aber gleichwohl gewaltig und stilvoll zur Wiederauferstehung verholfen hatte. Und noch nie hatte wohl ein Film so hohe Erwartungen zu erfüllen und ein Regisseur größeren Druck aushalten. Denn wird J.J. Abrams‘ „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ nicht der erwartet und sehnlichst erhoffte große Wurf, würde die legendärste Science-Fiction-Reihe aller Zeiten dies möglicherweise nicht überstehen. Ein zweites „Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung“ hätte es nämlich vermutlich nicht verkraftet. Quasi nichts drang über den Inhalt von "Das Erwachen der Macht" nach außen. Allein das längst verbreitete Wissen, dass die drei Hauptdarsteller der Ur-Trilogie und damit auch ihre Charaktere Luke, Leia und Han Solo wieder mit von der Partie waren, sorgte für wildeste Spekulationen und Freudentaumel. „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ ist schließlich ein gefühltes Remake des ersten „Star Wars“-Films „Krieg der Sterne“, was sich auch in teils bekannt vorkommenden Handlungssträngen widerspiegelt – ein überragendes allerdings. Abrams zelebriert pure Nostalgie, sodass jedem echten Fan warm ums Herz wird. Die Fehler, die George Lucas bei der Prequel-Trilogie gemacht hat, umschifft Abrams soweit er nur kann.

Mehr als 30 Jahre nachdem die Rebellen den zweiten Todesstern zerstört haben und damit eine entscheidende Schlacht gegen das Imperium gewinnen konnten, hat sich die Ordnung in der weit, weit entfernten Galaxis fundamental geändert. Die bösen Mächte haben die Oberhand zurückgewonnen: Die sogenannte „Erste Ordnung“ regiert die Galaxis. Unter der Herrschaft des Supreme Leaders Snoke (Andy Serkis) ist es der finstere Scherge Kylo Ren (Adam Driver), der mit seinen Sturmtruppen-Streitkräften Angst und Schrecken verbreitet. Das ist dem Sturmtruppler FN-2187 (John Boyega) zu viel. Als er bei der Jagd nach dem Widerstands-Piloten Poe Dameron (Oscar Isaac) auf dem Planeten Jakku Zivilisten niedermetzeln soll, desertiert er und verhilft Poe zur Flucht. Der hat Informationen über den Aufenthaltsort des mythischen Jedis Luke Skywalker (Mark Hamill), der nach einem verheerenden Vorfall bei der Ausbildung junger Jedi-Kämpfer wie vom Erdboden verschluckt ist und nicht nur von seiner Schwester, Widerstands-Generalin Leia Organa (Carrie Fisher), gesucht wird. Auf Jakku fallen derweil in dem Droiden BB-8 versteckte Daten über Skywalkers Aufenthaltsort der jungen Rey (Daisy Ridley) in die Hände. Gemeinsam mit FN-2187, der sich jetzt Finn nennt, flüchten sie vor der Ersten Ordnung, die ebenfalls nach dem Droiden fahndet. In der Not entkommen sie mit dem betagten Millennium Falken, dessen rechtmäßiger Besitzer Han Solo (Harrison Ford) schon bald zusammen mit seinem Wookie-Partner Chewbacca (Peter Mayhew) an ihrer Seite kämpft…

So wirkt "Das Erwachen der Macht" tatsächlich wie ein runderneuerter, auf Hochglanz polierter, aber eben doch ganz klassischer "Star Wars"-Film, auch in den zur Auflockerung regelmäßig eingeworfenen Momenten trockenen Humors, die allesamt fabelhaft funktionieren – belegt durch das Publikum im bis auf den letzten Platz ausverkauften Kinosaal.

„Das Erwachen der Macht“ funktioniert aber vor allem über die Figuren und das ist nicht nur den Autoren Kasdan und Abrams zu verdanken, sondern den Schauspielern selbst, die allesamt einschlagen. Im Zentrum steht die britische Newcomerin Daisy Ridley als Pendant zum jungen Luke Skywalker. Wie schon bei Mark Hamill einst, ist auch hier keine filigranen Schauspielkünste vonnöten, sondern die Fähigkeit, Empathie zu zeigen und Sympathie zu wecken. Hemdsärmelig und schlagkräftig pflügt die zierliche Ridley mit Angst-staunendem Schmollmund unerschrocken durch den Film. Dass eine junge Frau als maßgebende Heldengestalt aufgebaut wird ist dabei neu. Ebenso lustig wie markant in dieser Hinsicht ist die erste gemeinsame Action-Szene von Finn und Rey, in der Finn im klassischen Reflex aller männlichen Actionhelden seit Anbeginn des Kinos nach Reys Hand greift, um die zu rettende und beschützende Frau beim Weglaufen mit sich mitzuziehen – was Rey ebenso albern wie unnötig findet. Welchen Weg sie gehen wird, ahnt jeder, der schon einmal einen „Star Wars“-Film gesehen hat. Ihr Kampf-Partner John Boyega („Attack The Block“) bringt als Deserteur der Ersten Ordnung hingegen ebenfalls etwas Neues hinzu: Denn erstmals wird ein Sturmtruppler menschlich. Das war Erzbösewicht Kylo Ren auch einmal. Seine Familienherkunft wird recht schnell und unmissverständlich geklärt. Mit einem geschickten Schachzug schützt Abrams Adam Driver davor, als Junior-Ausgabe von Darth Vader im direkten Vergleich mit dem übergroßen Vorbild zu scheitern. Wenn der charismatische Schauspieler gelegentlich die schwarze Maske absetzt, wird nicht nur Kylo Rens Antlitz irdisch, sondern auch die Ambivalenz des Charakters deutlich: Er ist nicht einfach nur abgrundtief böse. Was Ridley, Boyega und Driver in den besten Momenten liefern, ist dynamisch, ergreifend, witzig, ungekünstelt - und damit all das, was die Prequels nicht waren.

Die Korsettstangen von „Das Erwachen der Macht“ sind jedoch vier alte Haudegen: Harrison Ford rockt den Film! Er ist die Seele! Mit verschmitztem Charme reißt Ford alle Szenen an sich, in denen er zu sehen ist – und das sind viele. Er hat nach Daisy Ridley, John Boyega und Adam Driver die meiste Leinwandzeit. Die Bewegungen mögen ein bisschen langsamer sein als früher, aber Ford ist gut in Schuss und viel vitaler als er in einigen vorab veröffentlichten Trailer-Ausschnitten zunächst wirkte. Han Solos unwiderstehlicher Sidekick Chewbacca ist dazu immer wieder für einen Lacher gut. Auch die Rückkehr von Carrie Fisher macht sich bezahlt, sie kabbelt sich mit Harrison Ford wie in guten alten Zeiten und hat so trotz weniger Szenen ihre Momente. Auf Mark Hamill müssen die Zuschauer dagegen lange warten – doch es lohnt sich. In einer absoluten Gänsehautszene reicht ein einziger Gesichtsausdruck, um die vergangenen 30 Jahre zu erklären. Das ist groß! Und spätestens wenn kurz darauf der "Millennium Falke" mit einem wiederum perfekten Gag seinen ersten Auftritt hat, ist man als alter "Star Wars"-Fan endgültig verzückt und hat sich in diesen neuen Film aus dem Stand verknallt. "Das Erwachen der Macht" ist in dieser Hinsicht aber auch ziemlich unwiderstehlich. Er wartet mit so vielen kleinen und großen Referenzen an die Ur-Trilogie auf, dass man beim Zitate-Zählen kaum noch mitkommt. Im Gegensatz zu Lucas' eigenem neuen Trilogie-Start, der damals eher wirkte wie ein Anwerbungsfilm für ein neues, kindliches Publikum, ist das hier ganz klar ein “Star Wars“ für die Fans. Denn gerade dieser Wiedererkennungswert der zahllosen Anspielungen – manchmal in Form einer durchs Bild kreuzenden Figur, manchmal nur in Kameraeinstellungen oder durch die szenische Atmosphäre eines Handlungsortes – macht "Das Erwachen der Macht" zu einem kleinen, himmlischen Paradies für alle Sternenkrieger-Fans. Zudem macht er eine wohl dosierte Menge an Mysterien, Geheimnissen und unbeantworteten Fragen auf, die den Fans so einiges zum Spekulieren geben und geschickt die Erwartungshaltung für die kommenden Fortsetzungen schüren. Es gibt nicht nur offene Fragen zu beantworten (Woher kommt die Erste Ordnung als Nachfolger des Imperiums und der Sith und wie wurde sie so mächtig?), sondern vor allem gilt es, den neuen Figuren weiter Raum zu geben und ihre Hintergrundgeschichten zu vertiefen.

Schwächen leistet sich Abrams kaum. Natürlich ist Keylo Ren (noch) nicht so gut wie Darth Vader, aber der ist der vielleicht beste Bösewicht der Filmgeschichte. Ihm fehlt allerdings die starke Figur im Hintergrund. Supreme Leader Snoke ist nämlich bislang ein Schwachpunkt. Der buchstäblich überlebensgroße Ober-Antagonist lässt alle anderen wie Kleinwüchsige aussehen und passt stimmiger in „Der Herr der Ringe“ oder „Harry Potter“ als in „Star Wars“.

Eines hat Abrams jedenfalls schon geschafft, was George Lucas anno 1999 mit seinem ersten neuen "Star Wars"-Film nicht gelungen war: Man freut sich jetzt schon auf den nächsten Teil. Möge die Macht mit uns sein!


Original: Star Wars: The Force Awakens
Regie: J.J. Abrams
Drehbuch: Lawrence Kasdan, J.J. Abrams, Michael Arndt
Cast: Daisy Ridley, John Boyega, Harrison Ford, Carrie Fisher, Adam Driver, Oscar Isaac, Domhnall Gleeson, u.a.
Spielzeit: 135 Minuten
Kinostart: 17. Dezember 2015

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