Mittwoch, Januar 06, 2016

Deutschland in Katerstimmung: Stellt endlich die richtigen Fragen!

Gregor Prochaska geht in seinem Gastbeitrag auf die Übergriffe an Frauen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht ein:


"Ich habe gerade versucht, mir einen Überblick zu verschaffen, was in meiner Facebook-Timeline zu den erschreckenden Geschehnissen in der Silvesternacht in Köln vorkommt. Da kann man den Eindruck bekommen, es handle sich um die Nachwehen einer heftigen Party. Wie nach einem Filmriss laufen Bestandsaufnahme und Schuldzuweisungen durcheinander und keiner redet darüber, was eigentlich zählt.


Bestandsaufnahme

In einer quasi kollektiven Katerstimmung fragt erstmal die gesamte Medienlandschaft "Was geschah in Köln?" (ZEIT ONLINE). Und quasi wie nach einer durchzechten Nacht gestaltet sich diese Bestandsaufnahme ziemlich schwierig:
Es hat vorm Kölner Hauptbahnhof eine randalierende Versammlung gegeben. Wie viele? 400-500 (SPIEGEL ONLINE)? 1.000 (Süddeutsche Zeitung)? Offensichtlich unklar!
Wer sie waren? "Nordafrikaner" sagen die einen, "Araber" sagen die anderen, ja was denn nun? (Und wer meint, das sei kein signifikanter Unterschied, der kann sich ja mal überlegen, wie oft er als Mitteleuropäer so mit Nordamerikanern oder Nordeuropäern in größerer Zahl verkehrt).

Was haben sie gemacht? Da findet sich dann mal die erste Übereinstimmung: Es sind Feuerwerkskörper in der Menge hin- und her geworfen worden, was die Polizei dazu veranlasste, den Platz gegen 23:30 Uhr zu räumen, was bis 00:45 Uhr zu einer Beruhigung der Lage geführt habe. Und dann? "Aus der Menge bildeten sich Gruppen..." (Frankfurter Allgemeine Zeitung). Wie viele Gruppen? Unbekannt! Wie groß die Gruppen waren? Zwischen 2 und 40 Personen, je nach dem, wen man fragt. Was haben die Gruppen gemacht? Endlich wieder eine Übereinstimmung! Sie haben völlig enthemmt und gewaltvoll (FAZ) dutzende Frauen (Spiegel) umzingelt (SZ), beraubt und sexuell bedrängt (Zeit).


Schuldzuweisungen


Soweit die Bestandsaufnahme, doch es wäre keine ordentliche Katerstimmung, würden nicht gleich auch die Schuldzuweisungen losgehen: Je nach politischer Couleur beschuldigen die Leute entweder die Polizei (die Straftaten wurden nicht effektiv verhindert, es gab keine Festnahmen, also haben die bestimmt Däumchen gedreht?) oder die Flüchtlinge (Nordafrikaner und Araber müssen ja Flüchtlinge sein, oder?), verteidigen die jeweils andere "Seite" oder tun irgendwie alles gleichzeitig. "Polizeiversagen", "Migration von Frauenbildern", "Gutmenschentum" und "Hetze" sind die Kampfbegriffe der sich allmählich warmredenden Debatte über die Ereignisse. Zwischendurch trägt dann noch ein Ratschlag von wegen "Armlänge" zur allgemeinen Erheiterung bei.

Was zu fragen wäre

Da sitz ich dann als einer der den Silvesterabend doch relativ ruhig verbracht hat und sich in den letzten Tagen erstmal um anderes gekümmert hat und denke so bei mir: Habt ihr sie eigentlich noch alle?!

Thema Polizei: Ja es macht wütend, dass mitten in der größten Stadt des größten Landes der Bundesrepublik Deutschland die Polizei wohl nicht in der Lage gewesen ist, zahlreiche Straftaten zu vereiteln. Es entsteht der Eindruck, dass die Polizei vor Ort mit der Gesamtlage überfordert war. Mehr als ein Eindruck kann das aber nicht sein, solange nicht mal die Faktenlage geklärt ist! Zu sagen ob es so war und wenn ja, warum, das kann Monate dauern. In der Zwischenzeit ist das ganze Ping-Pong-Spiel der Schuldzuweisung zwischen Polizei-Kritikern, Polizei(gewerkschaft), Kölner Rathaus und Justiz einfach nur peinlich und vor allem nicht zielführend.

Thema Flüchtlinge: Ja, zur Ermittlung von Tätern ist es notwendig, dass man diese beschreibt und da muss man auch öffentlich machen, wenn die Täter einen afrikanischen, arabischen oder bayrischen Akzent gehabt haben (oder entsprechendes Aussehen). Aber lasst doch bitte die kollektiven Unterstellungen aus der Debatte raus! Wenn 10.500 gewaltbereite Rechtsextremisten in Deutschland nichts über die Gesamtheit der Deutschen aussagen, dann sagen auch hunderte Gewalttäter (wenn es denn so viele waren!) nichts über Millionen Migranten aus. Vor allem, weil sich beide Gruppen (Rechtsextremisten und die Arschlöcher der Silvesternacht) wohl kaum in ihrem Frauenbild unterscheiden.

Was mir in der Timeline fehlt: Wo zum Teufel ist der #aufschrei-Hashtag?!

Recht braucht dem Unrecht nicht zu weichen. Dieser Grundsatz gilt, er gilt besonders für die Polizei und deshalb muss gefragt werden, ob sie in Köln gewichen ist. Er gilt aber auch völlig unabhängig davon, ob diese Leute nun nordafrikanischer, arabischer oder sonstiger Herkunft sind. Ganz besonders aber gilt er in einem Rechtsstaat für jeden einzelnen Bürger. "Das Recht und die Freiheit [...] zu verteidigen" schwören neuerdings die Bürger in Uniform (Soldaten), doch es ist die sittliche Pflicht eines jeden Bürgers. Bürger, von denen in der Kölner Innenstadt in der Silvesternacht sicher mehr waren als 40, mehr als hunderte, mehr als 1.000. Bürger, die doch gesehen haben müssen, wie da Frauen bedrängt, begrabscht, beraubt wurden, denen solche Frauen vielleicht sogar hinterher (hilfesuchend?) entgegenkamen.

Konsequenz? Keine!

Wie viele haben sich weggedreht? Wie viele haben das Weite gesucht, froh, selbst nicht bedroht zu werden? Wie wenige nur hätten sich den "Gruppen aus der Menge" gemeinsam entgegenstellen müssen? UND WER VERDAMMT STELLT ENDLICH DIESE FRAGEN?!

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich meine damit nicht die bedrängten Frauen selbst, die verständlicherweise nur noch weg wollten. Ich meine nach nicht den Familienvater, dessen Ehefrau und 15-jährige Tochter für 20 Minuten in der Menge von ihm getrennt werden, die er dann schwitzend und zitternd wiederfindet und nur noch nach Hause bringen will. Ich meine alle anderen in der Kölner Innenstadt in der Nähe von Hauptbahnhof und Dom.

Vor ein paar Jahren reichte ein dämlicher Kompliment-Versuch eines betrunkenen, mittelklassigen Politikers (Rainer Brüderle) für eine monatelange Sexismus-Debatte in Deutschland. Und jetzt reichen zahlreiche sexuelle Übergriffe in aller Öffentlichkeit nicht, damit wir darüber nachdenken, wie viel weggeschaut und nicht geholfen wird?!

Wo seid ihr, FeministInnen dieses Landes?! Die ihr jederzeit zur Stelle seid, auch nur die geringste Sprachgewohnheit oder den kleinsten Hinweis auf eine fragwürdige Haltung der Gesellschaft anzuprangern! Los, stellt diese Fragen! Und fragt gleich auch noch ob wir nicht doch im Herzen "sexistische Kackscheiße" haben, wenn wir es nicht hinkriegen, solchen Übergriffen bürgerschaftlich entgegenzutreten! Impliziert Wegschauen denn nicht, dass man etwas toleriert? Dort, wo wir wegschauen, weicht das Recht dem Unrecht.

Oder sind wir nur zu feige?

Wo seid ihr, große Kerle dieses Landes?! Die ihr jederzeit bereit wäret, einem oder vielleicht zwei dahergelaufenen Assis aufs Maul zu hauen, die eure Freundin in der Kneipe anmachen! Aber wenn da vor einem Bahnhof 10 Mann eine Frau bedrängen, finden sich keine 10 von euch, die spontan Hilfe leisten? Nicht mal 2 oder 3, die dagegen rufen und auftreten, denen sich vielleicht andere anschließen könnten? Wo niemand so etwas tut, weicht das Recht dem Unrecht.

Wo seid ihr, alle anderen?! Die ihr euch jetzt empört, die ihr jederzeit darauf vertrauen wollt, dass euch solche Gewalt mitten in Deutschland nicht widerfährt oder dass euch dann wenigstens geholfen wird! Hilfe darf man nicht nur erwarten, man muss sie auch leisten, sonst weicht das Recht dem Unrecht.

Aus Schillers Räubern habe ich im Gedächtnis: "Feige Hunde sind wir alle, wenn wir den Mut nicht haben, etwas Großes zu wagen". Feiges Schiller-Land, wenn es nicht über seine Zivilcourage redet. Armes Deutschland, wenn es sich von Gruppen pöbelnder Assis öffentlich so vorführen lässt. Wir armen, wenn wir alle dem Unrecht weichen."


Gregor Prochaska

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