Freitag, Februar 05, 2016

„Die Stadt und die Macht“

Bis dato gab es ja das eherne Gesetz, dass Deutschland keine Serien kann, zumindest bzw. vor allem keine Politserien. „House of Cards“, „West Wing“ oder „Borgen“ aus deutscher Produktion? Schier undenkbar. Bisherige Versuche in diesem Genre? In der Regel mehr oder weniger kläglich gescheitert, sowohl bei den Kritikern wie auch bei den Zuschauern. Einen erneuten Versuch hat nun die ARD mit der sechsteiligen Miniserie „Die Stadt und die Macht“ gewagt. Leider, so viel sei schon vorweg genommen, konnten die Quotenerwartungen der ARD durchweg nicht erfüllt werden. Schade, denn eigentlich unverdient.

Die engagierte Anwältin Susanne Kröhmer (Anna Loos) ist Abgeordnete im Berliner Abgeordnetenhaus. Ihr Vater Karl-Heinz Kröhmer (Thomas Thieme) ist Fraktionsführer der Konservativen, die in Koalition mit dem sozialdemokratischen Regierenden Bürgermeister Manfred Degenhardt (Burghart Klaußner) die Stadt regiert. Nach dem scheinbaren Todessprung des Bauunternehmers Oliver Griebnitz, den Susanne seit langem gekannt hat, kommt es zur Auflösung der Koalition und zu Neuwahlen. Susanne Krömer ergreift die Chance, sich für das Amt des Bürgermeisters als Kandidatin aufstellen zu lassen („Na dann mach Du’s doch!“), was sie nicht nur in Konflikt mit ihrem Lebensgefährten Maik (Stephan Kampwirth) und ihrem Vater bringt. Oliver Griebnitz' Vater (Jürgen Heinrich) will Rache für den Tod seines Sohnes. Und der Journalist Alex (Carlo Ljubek), der den Tod von Griebnitz aufklären will, kommt unangenehmen Wahrheiten auf die Spur.

Als idealistische Tochter gegen den abgebrühten Vater macht Anna Loos eine gute Figur. Und das ist hier keine leichte Aufgabe, denn Thomas Thieme mimt den bulligen Strippenzieher derart authentisch, dass schnell mal ein Hauptcharakter zur Nebenrolle degradiert werden kann. Ein Genuss ist zudem Martin Brambach als Susannes Imageberater George Lassnitz. Lassnitz zeigt Susanne Kröhmer, worauf sie sich eingelassen hat. Erst wenn sie mit ihm fertig ist – respektive er mit ihr –, ist sie reif für den Wahlkampf und das Amt. Er rückt die Kandidatin ins Bild: „Nicht so ernst. So guckt ein Rentier. Lächeln! Nicht grinsen! Die Leute wählen kein schwarzes Loch.“ Er zeigt ihr, wie man Hände schüttelt: „Clinton war der beste Beidhänder aller Zeiten.“ Er fragt alle Privatheiten ab, die er im Wahlkampf einsetzen kann oder unbedingt verschweigen will. Und bekommt Schnappatmung vor Glück, als er erfährt, dass Susanne Kröhmer schwanger ist: „Super, was für ein Timing!“ In solchen Szenen macht „Die Stadt und die Macht“ Spaß – weil es um den politischen Betrieb und dessen Zumutungen geht, weil die Machtspielchen fein ziseliert dargestellt werden, weil offenbar wird, was es bedeutet, Politiker zu sein, und was mit einem Menschen geschieht, zu dem sich plötzlich jeder ein Urteil auch über intimste Belange erlaubt und der selbst prüfen muss, wie viel vom eigenen Ideal er/sie bereit ist abzugeben zum Erreichen der Ziele. Die Serie legt politische Missstände dar, kommt dabei aber angenehmerweise ohne die landesübliche Politikerverachtung aus. Allerdings, aber das mag für ein Prime Time-Format nicht verwundern, wird natürlich an manchen Stellen auch überzogen oder aus dramaturgischen Gründen arg verkürzt.

Schade, dass das mangelnde Interesse der Zuschauer wohl eine zweite Staffel mit entsprechenden Entwicklungsmöglichkeiten der Rollencharaktere wie auch auf absehbare Zeit ähnliche Formate unwahrscheinlich machen.



Originaltitel: Die Stadt und die Macht
Regie: Friedemann Fromm
Drehbuch: Annette Simon, Christoph Fromm und Martin Behnke
Besetzung: Anna Loos, Thomas Thieme, Burghart Klaußner, Martin Brambach, Carlo Ljubek, Stephan Kampwirth, Renate Krößner, Jürgen Heinrich

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