Dienstag, März 01, 2016

Materialschlacht?

Der Wiesbadener Kurier würdigt in einem größeren Artikel kritisch den Kommunalwahlkampf am Beispiel der Stadt Taunusstein. Aufgeführt werden die Anzahl der gestellten Plakate, die vewendeten Slogans, der verteilten Give Aways und die im Wahlkampf eingesetzten Finanzbudgets. Die Botschaft des Artikels ist zumindest unterschwellig ganz klar: "Jungs und Mädels, was soll der Quatsch eigentlich?" Ich finde das eine falsche und ja, sogar gefährliche Herangehensweise an dieses Thema. So sehr ich den Autor Matthias Gubo sonst für seine Recherchearbeit und zuweilen auch mal scharfe Zunge schätze, erweist er hier der örtlichen Kommunalpolitik mit seiner defätistischen Sichtweise auf den wohlgemerkt durchweg und parteiübergreifend ehrenamtlich gestemmten Wahlkämpfe(r)n einen Bärendienst. Landauf landab wird wahlweise oder summiert über Politik- bzw. Politikerverdrossenheit geklagt. Sinkende Wahlbeteiligungen bei Wahlen gehen einher mit mangelnder Bereitschaft zum Engagement in den Parteien. Oft wird dafür, vermutlich auch nicht ganz zu Unrecht, die bundes- und in Teilen auch die landespolitische Ebene verantwortlich gemacht. Nur selten wird in dieser Aufzählung aber die kommunale Ebene als erstes oder überhaupt genannt. Und das hat auch gute Gründe. Denn vor Ort in der Kommunalpolitik vor Ort engagieren sich Menschen ehrenamtlich für ihre Heimat. Das ist der gemeinsame und große Nenner, der sich durch alle Parteien und Wählergruppierungen zieht. Sie opfern (Frei)Zeit dafür, ihre unmittelbare Heimat zu gestalten. Es werden Ideen und Programme entwickelt. Und natürlich wird dann auch über das Ob und Wie zuweilen gestritten. Aber das ist auch billig und Recht in einer Demokratie. Dafür muss man sich nicht selten im unmittelbaren Umfeld in Verwandten- und Freundeskreis oder Nachbarschaft rechtfertigen, sei es beim Einkauf im Supermarkt, beim Abendessen im Gutsausschank oder am Wochenende beim Rasenmähen am Gartenzaun. Im übrigen ein großer Unterschied zu vielen hauptamtlichen Politikern, die dem Wahlvolk leicht entfliehen können. Aber man erduldet das in der Regel gerne und bereitwillig und lässt sich nicht entmutigen, sondern wirbt weiter unermüdlich für seine Ideen zur Gestaltung der eigenen Heimat. Wohlgemerkt in einem immer stärker politisch desinteressierten gesellschaftlichen Umfeld. Und Herzstück des Werbens um Wähler ist dann natürlich auch der Wahlkampf: Mit Plakaten, mit Flugblättern, mit Give Aways. Nicht, um mit einem Kugelschreiber Wähler zu überzeugen (dafür hat man im Idealfall schon vorher durch seine politische Arbeit die Grundlage gelegt), sondern um zu erinnern und zu mobilisieren. Noch nie habe ich einen Artikel gelesen, in dem ein Journalist kritisiert, dass an einem Tag der offenen Tür Luftballons, bei einer Geschäftseröffnung Kugelschreiber oder bei einer Werbeaktion für Zeitungsabonnements Werbemittel verschenkt werden. Was hier also Recht ist, ist für die Hobbypolitiker nicht mehr billig?
Kurzum: Ich hätte mir vom Autor eine grundsätzlich andere Herangehenweise an dieses Thema gewünscht. Anerkennung für die Menschen, die sich ehrenamtlich für ihre Heimat engagieren und diese positiv(er) gestalten möchten. Lob (!) für den Versuch der Wählermobilisierung und Aufforderung an den Wähler, diese durch den Wahlgang auch entsprechend zu würdigen - selbstverständlich nach vorheriger Information über die Inhalte und Positionen der kandidierenden Parteien und Wählergruppierungen, die im übrigen ja ebenfalls flächendeckend verteilt und online wie offline jederzeit einseh- bzw. anforderbar sind.

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