Mittwoch, Juli 20, 2016

Lebenslauf gefälscht

Für Aufsehen sorgt gerade die Geschichte um die Bundestagsabgeordnete Petra Hinz (SPD), die in ihrer Vita fälschlicherweise angegeben hat, ein Abitur sowie ein juristisches Staatsexamen zu besitzen. Um es vorweg zu nehmen: Das ist natürlich nicht entschuldbar und zurecht hat die Essener SPD auch unmittelbare Konsequenzen in Form der Mandatsniederlegung gefordert, der Petra Hinz schließlich auch rasch nachgekommen ist.

Spekuliert wird nun über die Motive von Petra Hinz. Ein schon häufiger zu lesender Erklärungsversuch vermutet, dass sie sich besser darzustellen versucht hat, um auch innerhalb der Partei entsprechend Karriere machen zu können. Dem folgt aber auch unmittelbar die Erwiderung, dass ein Abitur geschweige denn ein akademischer Bildungsabschluss doch keineswegs Voraussetzung sei für eine (partei)politische Karriere - erst Recht nicht in der SPD! Formal mag das natürlich stimmen. Aber wie sieht es real aus? Die eigentliche Frage ist doch, ob sie auch ohne diese Angaben eine solche Karriere innerhalb der SPD (gilt aber auch für sämtliche anderen Parteien) gemacht bzw. eine reale Chance dazu gehabt hätte. Dazu muss man sich nur einmal unsere Gremien und Hauptamtlichen anschauen. Der überwiegende Teil davon ist Akamediker/in. Das bestätigt auch ein nur kurzer Blick in die Parlamente und Vorstände, bis hinunter auf die Ortsvereinsebene. Der letzte Ministerpräsident ohne akademischen Abschluss war Kurt Beck. Selbst in meinem Ortsvereinsvorstand hat nur ein Drittel kein Abitur bzw. akademischen Abschluss - und allesamt "älteren Semesters". Dieser Trend fängt nämlich mttlerweile schon bei den Jusos auf unterster Ebene an und setzt sich von dort unaufhaltsam bis in die Partei hinein fort. Zwar habe ich ebenfalls einen akademischen Abschluss (bald sogar einen zweiten), aber selbst mit meiner Vita aus einer klassischen Arbeiterfamilie stammend und zunächst eine Ausbildung absolvierend war/bin ich mittlerweile eher die Ausnahme, aber nicht die Regel. Ich merke das immer wieder, sei es anhand aufeinanderprallender verschiedener Denkmuster, inhaltlicher Prioritätensetzungen oder schlicht der verwendeten Sprache. Unvergessen bleibt mir ein Juso-Bundeskongress, auf dem die Einrichtung einer AG für Auszubildende mit großer Mehrheit abgelehnt wurde. "Diese Themen könnten doch in der bereits existierenden Ag Schüler/innen abgehandelt werden", so die Begründung der - beinahe durchweg akademischen bzw. angehend akademischen - Mehrheit auf dem Juso-Bundeskongress. Wenn wir über Entfremdung von Politik und Parteien vom "normalen" Bürger sprechen, reden wir also auch über genau dieses Phänomen.

Auf ein weiteres spannendes und zutreffendes Phänomen, nämlich die zunehmende individuelle berufliche Abhängigkeit von Parteien (Kreißsaal-Hörsaal-Plenarsaal), wird hier näher eingegangen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen