Montag, Februar 13, 2017

Es heißt Wahlkampf, nicht Ästhetikkampf

Alle Wahlen wieder fordert die FDP in Taunusstein namens ihres Vorsitzenden Raimund Scheu im Nachgang zu Wahlkämpfen, man möge die Plakatierung doch bitte drastisch eindampfen zur Verschönerung des Stadtbildes und die frei gewordenen Mittel besser einem guten Zweck zur Verfügung zu stellen. So weit - so schlecht. Natürlich klingt diese Forderung aus dem Mund des ansonsten von mir äußerst geschätzten Herrn Scheu zunächst einmal sehr wohlfeil und ist sicher auch stammtischtauglich. Aber ist die Forderung auch tauglich, Politikverdrossenheit wie suggeriert zu bekämpfen, weil Bürger nicht mehr mit Politik "belästigt" werden? Mitnichten. Dazu muss man sich nur einmal vergegenwärtigen, welchen Zweck Plakate in Wahlkämpfen erfüllen. Ästhetik gehört wohlgemerkt nicht dazu, ebenso wie im übrigen die vielfachen Werbebeschilderungen rund um den Gewerbekomplex des Herrn Scheu in der Taunussteiner Kleiststraße 8-10 sicher keinen Beitrag zur Verschönerung des Stadtbilds leisten sollen. Werbung erfüllt eben einen anderen Zweck: Sie soll auf etwas aufmerksam machen. Aufmerksam worauf? Natürlich im politischen Kontext auf einen Bewerber bzw. eine Partei, vor allem aber auch auf einen nahestehenden Wahltermin. Somit erfüllen Plakate einen mobilisierenden Zweck. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Natürlich dokumentieren Plakate (in der Regel!) keine Wahlprogramme und natürlich machen Bürger auch nicht von den dort abgedruckten Slogans ihre Wahlentscheidung abhängig (in der Regel!). Aber sie schaffen eben Aufmerksamkeit. Wer ernsthaft glaubt, dass bei der vor kurzem stattgefundenen Landratswahl mit ohnehin mäßiger Beteiligung mehr Bürger zur Urne gegangen wären, wenn es weniger Plakate gegeben hätte (ergänzend dazu sollen Bürger ja möglichst auch noch von Flyer, Briefen und anderem politisch angehauchtem verschont bleiben), glaubt auch, dass mehr Menschen zu "kik" einkaufen gehen, wenn diese weniger Werbung schalten oder der 70%ige Anstieg des FDP-Stimmenanteils in Taunusstein bei der letzten Kommunalwahl durch weniger Werbung zustande kam (hier empfehle ich hessenweit einen genaueren Blick auf die Ergebnisse in Kommunen mit AfD- und ohne AfD-Beteiligung anstelle von zu viel Eigenlob). Plakate sind nicht umsonst und erwiesenermaßen der am häufigsten wahrgenommene Werbeträger in Wahlkämpfen, eben weil im Idealfall Bürger im Laufe der Plakatierungsfrist mehrfach an ihnen vorbeifahren oder -laufen. Im Unterschied zu den bereits erwähnten nicht minder unästhetischen dauerhaft angebrachten Werbebeschilderungen verschwinden sie aber kurz nach dem Wahltag wieder (wenn nicht, liegt die Schuld aber nicht am Plakat, sondern an dem, der die Plakate aufgehängt hat. In einer Demokratie sollte es uns diese zeitlich befristete ästhetische Einschränkung wert sein und vor allem Parteien selbst sollten nicht weiter an ihrer eigenen Lobby sägen, bis sie am Ende gänzlich verschwunden sind. Um zur Ursprungsforderung zurückzukommen: Welchen besseren Zweck kann es geben, als eine hohe Wahlbeteiligung und ein starkes Interesse am politischen Geschehen seiner Heimat zu wecken?

Eine Bemerkungen noch zum Schluss:
Für die Ästhetik-Fetischisten gibt es nicht nur Gestaltungsssatzungen für das Anbringen von Werbebeschilderungen, sondern auch Plakatierungssatzungen. Diese gilt es nur a) zu beschließen und b) einzuhalten.

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