Sonntag, Juni 19, 2011

"Almanya"

„Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen.“
- Max Frisch -


Gerade in einer Zeit, wo das Thema Einwanderung so verbissen geführt wird, ist "almanya" eine richtig schöne Abwechslung.


Der sechsjährige Cenk (Rafael Koussouris) versteht die Welt nicht mehr. In der Schule wird er gehänselt, weil er aus Anatolien kommt. Dabei ist seine Mutter Deutsche und nur sein Vater Türke. Seine türkischen Großeltern Hüseyin (Vedat Erincin) und Fatma (Lilay Huser) haben gerade erst die deutsche Staatsbürgerschaft verliehen bekommen, was Cenks Dilemma noch vergrößert. Ist er nun Deutscher oder Türke? Bei einem Familienessen verlangt er eine Antwort. Um den Jungen etwas zu beruhigen, erzählt ihm seine Cousine Canan (Aylin Tezel) die ganze Familiengeschichte. Dort verkündet das Familienoberhaupt Hüseyin auch, dass er ein Haus in der Türkei gekauft hat. Jetzt soll die ganze Familie die kleine Ruine in den Ferien wieder aufbauen.

"Almanya", ein Film der Filmemacherinnen und Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli, ist eine Komödie über den 1.000.001. Gastarbeiter Hüseyin, dessen Kinder und Enkel. Und es tut gut, auch mal lachen zu dürfen über die Integrationsprobleme türkischer Einwanderer. Und durch die Augen von MigrantInnen und Migranten auf die deutsche Wirklichkeit von damals und heute schauen zu können – und zwar nicht in einem Problemfilm, sondern in einer Komödie, die sich löst von den festgefahrenen Meinungen der Integrationsdebatte.

Besonders gelungen ist dabei die in Rückblenden erzählte Geschichte der Großeltern. Denn als der junge Hüseyin als Gastarbeiter Nummer 1.000.001 wegen seiner Höflichkeit den großen Preis für den Jubiläumsarbeiter verpasst, erreicht der Film seine wahre Kraft. Genau in dieser Phase ist dann auch der vielleicht schönste Regie-Einfall zu finden. Wenn Hüseyin seine ganze Familie nach Deutschland holt, sprechen alle Familienmitglieder perfektes Deutsch untereinander. Nur die Deutschen sprechen ein aberwitziges Gebrabbel, dass je nach Standpunkt an Dänisch oder die fiktive Sprache Charlie Chaplins aus seinem Meisterwerk "Der große Diktator" erinnert. Damit vermittelt "Almanya" mit ganz einfachen, aber hoch effektiven Mitteln das Gefühl der Fremde und des Kulturschocks und macht es so für den Zuschauer sehr anschaulich erfahrbar.

Nicht umsonst hat „Almanya“ auf der diesjährigen Berlinale zum Publikumsliebling avanciert.


Almanya - Willkommen in Deutschland
Regie: Yasemin Samdereli
Drehbuch: Yasemin & Nasrin Samdereli
Cast: Rafael Koussouris, Aylin Tezel, Vedat Erincin, Lilay Huser, u.a.
Spielzeit: 97 min.
Kinostart: 10.03.2011
Homepage: www.almanya-film.de

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