Samstag, Mai 18, 2013

"Being John Malkovich"

Wie wäre es, wenn man nicht nur irgend jemand anderes sein könnte, sondern jemand berühmtes? Zum Beispiel der bekannte Schauspieler John Malkovich. Zwar nur für 15 Minuten, aber das ist besser als gar nichts.

Diese Möglichkeit eröffnet sich durch Zufall dem arbeitslosen Puppenspieler Craig Schwartz (John Cusack), der mit seiner Frau Lotte (Cameron Diaz) und einem kleinen Zoo inklusive Affen in einer Wohnung in New York lebt. Craig Schwartz ist ein erfolgloser Puppenspieler und damit brotloser Künstler. Aussehend wie ein Post-John-Lennon geistert er mit seinen Marionetten, die er realen Personen, u.a. natürlich sich selbst, nachempfunden hat, durch die Stadt aller Städte New York. Kaum jemand interessiert sich für die düsteren Geschichten, die er mit seinen Puppen präsentiert. Im Gegenteil: Der Vater eines kleinen Mädchens verpasst ihm einen Schlag, weil er annimmt, Craig führe obszöne Dinge vor den Augen des Kindes auf. Für Craigs Frau Lotte (Cameron Diaz) gehört er neben einem Affen und anderen Tieren zum privaten Wohnungs-Zoo. Eines Tages entschließt sich Craig, dem Drängen Lottes nachzugeben und endlich eine Arbeit zu suchen. Er landet im 7 1/2-Stock eines Hochhauses („Halbes Stockwerk? Halbe Miete!“ :D), in dem er von einem gewissen Dr. Lester (Orson Bean) einen Job erhält. Lester, der angeblich schon 105 Jahre alt ist, weil er nur Karottensaft trinkt, scheint nichts weiter als Sex im Kopf zu haben, vor allem (erfolglos) in Bezug auf seine Sekretärin Floris (Mary Kay Place), die ihm glaubhaft einen Sprachfehler einredet. Craig lernt Maxine (Catherine Keener) kennen, die dort auch – wie alle gebückt gehend – arbeitet. Maxine ist sexy, verführerisch – und kalt. Sie lässt Craig mit ihr flirten und ihn gleichzeitig abblitzen.

Der Erfolg scheint sich also für Craig auch hier nicht einzustellen, bis er zufällig hinter einem Schrank eine geheimnisvolle Tür entdeckt, die in einen dunklen Gang führt. Der Gang erweist sich als Portal zum Gehirn des Schauspielers John Malkovich. Er schaut durch dessen Augen. Nach einer Viertelstunde allerdings wird Craig „rausgeschmissen“ und landet irgendwo auf der Autobahn von New Jersey. Craig erzählt dies alles aufgeregt sowohl seiner Frau, als auch Maxine, die ihn dazu bringt, aus der mysteriösen Angelegenheit ein Geschäft zu machen: 200 Dollar für die Erfahrung, 15 Minuten John Malkovich zu sein. Craig sieht seine große Chance. Unter dem Firmennamen „J.M. Inc.“ bieten sie und Craig Reisen in das Gehirn des John Malkovich an. Was solange gut geht, bis John Malkovich selbst (John Malkovich) als Klient vor der Tür steht. Außerdem entspinnt sich durch die Reisen eine Dreiecksaffäre der bizarren Art zwischen Craig, Lotte und Maxine, die bald drastische und sehr skurrile Ausmaße annimmt...

Die zündende Idee, um den Schneeball der Kuriositäten und Absonderlichkeiten, der Verwirrung und Verzweiflung, des Skurrilen und leicht Kafkaesken ins Rollen zu bringen, ist so einfach und einleuchtend wie unmöglich und zynisch zugleich: Ein Portal führt in das Seelenleben eines anderen. Dass sich John Malkovich selbst auf diesen Spaß einließ, der immerhin zum großen Teil auf seine Kosten geht, zeugt von Selbstironie, hat aber auch etwas mit privaten Kontakten zu tun: Regisseur Spike Jonze war verheiratet mit Sofia Coppola, der Tochter von Francis Ford Coppola. Unoriginalität kann man diesem Werk auf jeden Fall nicht vorwerfen. Eine schon recht ungewöhnliche Ausgangsidee führt durch eine Ansammlung von originellen und sehr skurrilen, bisweilen surrealistischen Regieeinfällen zu einem kurzweiligen Film der besonderen Art. Was etwa passiert, wenn John Malkovich sein eigenes Bewusstsein betritt, ist eine der brillantesten Ideen des Films und vielleicht der Filmgeschichte. Viele Dinge in „Being John Malkovich“ muss man gesehen haben, um sie zu glauben. Unnötig und vielleicht die einzige Schwäche des Films ist der Versuch, das Gezeigte zu erklären. Denn weder erhält der Zuschauer eine so durchdachte Erklärung (wie etwa in Alex Proyas’ „Dark City“) noch wird vollständig auf eine Erklärung verzichtet und dem Publikum sämtliche Deutungsmöglichkeiten überlassen (wie in David Lynchs „Lost Highway“, dort allerdings erzwungenermaßen, weil es nie zur geplanten Fortsetzung in Serie kam). Regisseur Jonze und Drehbuchautor Kaufman haben sich jedoch für die schlechteste aller Möglichkeiten entschieden und geben eine äußerst unoriginelle Erklärung und eines der abgegriffensten Science-Fiction-Klischees bemüht.

Eine Stärke des Filmes sind seine Charaktere: Die mediengerechte Version des originalen John Malkovich, die kaum wieder zu erkennenden Stars des Hollywood-Kinos John Cusack und Cameron Diaz, die beide dermaßen verkleidet und „verunstaltet“ werden, dass ihre visuellen Business-Images nicht mehr wiederzuerkennen sind. Hinter ihren Masken verbergen sich zwei, die beide an dem zu leiden scheinen, was – schon fast abgeschmackt klingend – als „Identitätskrise“ bezeichnet wird. Cusacks Craig Schwartz erkennt seine große Chance, endlich zu sich selbst, zu seinem erfolgreichen Image zu kommen, indem er versucht, sich auf Dauer im Gehirn und im Seelenleben des großen John Malkovich einzunisten. Nicht anders Lotte im Lotter-Look, die über das Portal in den Schauspieler „kriecht“ und mit Maxine schläft. Wird sie ihre neue Identität finden – als Mann oder Lesbe? Nur Malkovich scheint – jedenfalls bevor Cusack sich seiner bemächtigt – er selbst zu sein. Und selbst Charlie Sheen darf sich in einem Cameo-Auftritt über sich selbst lustig machen. Einer „siegt“ allerdings auf eine unglaubliche und zugleich erschreckende Weise: Dr. Lester. Aber das will ich hier nun wirklich nicht verraten.

So vereint „Being John Malkovich“ gute Darstellerleistungen, eine teilweise virtuose Inszenierung (die Puppenspielszenen beispielsweise sind einfach wunderschön gestaltet) und mehr interessante Ideen, als ein Großteil dessen, was die Traumfabrik so von sich gibt. Mainstream erhält der Zuschauer im verfilmten Innenleben von John Malkovichs tiefstem Inneren ganz sicher nicht.


Original: Being John Malkovich
Regie: Spike Jonze
Drehbuch: Charlie Kaufman
Cast: John Cusack, Cameron Diaz, Catherine Keener, John Malkovich, u.a.
Spielzeit: 113 Minuten
Kinostart: 1999
   

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