Dienstag, September 17, 2013

Plakatanalyse zur Landtags- und Bundestagswahl [5 Tage] #btw13 #ltw13

Am 22. September sind bekanntlich Bundestagswahlen und zeitgleich auch Landtagswahlen in Hessen. Das heißt, für beide Wahlen finden sich derzeit Plakate der Parteien im Straßenbild – bei mehreren jeweils Erst- und Zweitstimme werbenden Parteien sind das demnach...eine ganze Menge. Die Parteien stehen also vor der Herausforderung, eine Corporate Identity zu entwickeln, welche die jeweilige Partei klar zu erkennen gibt, aber die beiden Ebenen Land und Bund unterscheidet. Und eine politische Botschaft bzw. ein/e Kandidat/in sollen natürlich auch noch möglichst authentisch und auffallend transportiert werden. Alles also gar nicht so einfach. Wer seine Aufgabe wie gut gelöst hat, kann meiner Beurteilung der Plakate der relevanten Parteien bei diesen beiden Wahlen entnommen werden, deren Wirkung ich ohne Anspruch auf Vollständigkeit aller Motive einmal rein subjektiv und möglichst ohne Parteibrille (was schwer fällt) bewertet habe. Mein Ergebnis:

SPD
Die SPD auf Bundes- und Landesebene ist nach Farbexperimenten wie zum Beispiel Umbra 2005 zurückgekehrt zum knalligen rot, gepaart mit einem etwas dunkleren purpur (Bund) bzw. etwas helleren violett (Land). Leider ist rot eine sehr aggressive Farbe, die so einige Wähler unbewusst etwas abschrecken könnte – vor allem gilt dies für die Personenplakate auf Bundesebene. Eleganter hat das hier die Landesebene gelöst, die das hellere violett dezent in den Vordergrund rückt. Gut gedacht, aber schlecht umgesetzt ist dabei nur leider die Idee, dass sich der jeweilige Landtagskandidat mit einer fiktiven Person unterhält, deren Silhouette man von hinten erkennt. Spätestens, wenn man am Tag (es soll ja Pendler geben) durch drei Wahlkreise und mehr fährt und immer wieder das gleiche Motiv mit halb in die Kamera, halb auf die fiktive Person schielenden Landtagskandidatinnen sieht, wirkt es mehr gekünstelt als authentisch. Gelungen hingegen sind die TSG-Motive, die den hessischen Spitzenkandidaten entweder mit visionärem Blick und starkem Slogan ("...Respekt...") oder in tatsächlichen Gesprächssituationen und somit authentisch darstellen. Was ich vom SPD-Abschlussplakat auf Bundesebene mit Peer Steinbrück vor hunderttausenden SPD-Mitgliedern auf dem Deutschlandfest im Hintergrund halten soll, weiß ich nicht. Ich als Genosse finde es kurzum richtig geil. Aber wie kommt es darüber hinaus bei Unentschlossenen/Wechselwählern an? Schwach sind die Steinbrück-Motive selbst, wobei ich mich mehr auf Motiv und Gestik (auf Stuhl lehnend, mit dem Finger zeigend: "Sie haben es in der Hand!") als auf die in den letzten Tagen ja auch kunterbunt diskutierte Mimik des SPD-Kanzlerkandidaten beziehe :-). Was leider überhaupt nicht transportiert wird, sind die inhaltlichen Botschaften der SPD auf den Themenplakaten, sei es weil diese nicht authentisch oder die Botschaften zu sperrig sind. Auch verläuft der Slogan "Das WIR entscheidet" leider im Sande, weil es der SPD zu selten in dieser Kampagne gelungen ist, die Wahlentscheidung der Wähler auf genau diese (plakatierten) Themen zuzuspitzen und dementsprechend das „WIR“ entgegen zu stellen. Insgesamt sehr blass und deshalb nur noch befriedigend.

CDU
Ich sage es ungern, aber für mich die gelungenste Kampagne. Sowohl Bundes- wie auch Landeskampagne stehen miteinander im Einklang, man erkennt deutlich einen vorgegebenen Rahmen, der sich nur in der Farbgebung der fiktiven Sprechblasen der jeweiligen KandidatInnen (=Slogan) unterscheidet. Besonders gefällt mir auch, dass innerhalb dieses Rahmens die KandidatInnen individuelle Motive frei wählen können und nicht alle Personenplakate den bei Kandidatenbildern beliebten Einheitshintergrund enthalten. So sieht man bspw. im Rheingau die Kandidatin ebenfalls im fiktiven Gespräch mit der Silhouette eines Menschen (Meinung dazu: siehe SPD), während sich in Wiesbaden ein Kandidat vor dem Biebricher Schloss und die andere Kandidatin auf einer Treppe in der Wiesbadener Innenstadt sitzend ablichten lässt. Vor allem klar und simpel in Wortwahl (über die Inhaltsleere dieser Floskeln urteile ich hier nicht, wobei man selbst dies als authentisch und in sich stimmig bezeichnen muss) und Farbgebung (orange) wirken die thematischen Plakate der Bundespartei. An Gerhard Schröders Wiederwahlkampf 2002 scheint sich Angela Merkels Agentur orientiert zu haben, die vor schwarzem Hintergrund und dem schlichten Slogan "Die Kanzlerin" ebenfalls auf Staatsfrau macht. Negativ aus der Reihe fallen nur die teils mehr als arg gestellten Bouffier-Plakate auf Landesebene, sei es mit einer kunterbunten Truppe an Jugendlichen vor einem Tischkicker oder mit einer älteren Dame im 2. Klasse-Abteil einer Bahn (wann Bouffier wohl tatsächlich das letzte mal Bahn gefahren ist oder mit einem die Mütze falsch rum tragenden Jugendlichen Tischfußball gespielt hat?).
Insgesamt aber ein gut.

Bündnis 90/Die Grünen
Die Grünen kommen im Bund wie auch in Hessen gewohnt grün und frech bzw. überraschend daher, sowohl in Motivwahl (Kuh zum Thema Ernährung, schlafendes Kleinkind zum Thema Fluglärm, die hessische Spitzenkandidatin ohne Brille zum Thema Schulfrieden) als auch in den interaktiven Slogans, die alle mit einem "Und Du?" enden und das Themensetting der Partei sehr gut aufgreifen. Also eigentlich nichts neues, da aber auf gewohnt hohem Niveau kurz und bündig ebenfalls insgesamt ein gut.

FDP
Auch hier null Überraschung. Gelb und blau schmückt die Sau – oder eben die FDP. Ob es an meiner innerlichen Abneigung über die FDP (in ihrem jetzigen Zustand) ist, die dazu beiträgt, dass mich auch diese Farbgebung mega abturnt, weiß ich nicht – aber es scheint zumindest nicht nur mir so zu gehen, wenn ich mich mit anderen darüber unterhalte oder die ein oder andere Beurteilung von "Marketingexperten" zu den Wahlplakaten lese. Hinzu kommen die mit Nähe des Wahltermins immer dumpfer und mangels Handeln in der Regierung immer unglaubwürdiger werdenden Parolen, die zunächst mit „Bürgerrechte stärken“ oder „Schluss mit Schulden“ begannen und nun bei Soli abschaffen. Steuern runter und Panikmache vor Windrädern und rot-rot-grün gelandet sind. Kurz und prägnant und damit gelungen ist allerdings auf Landesebene der jeweilige Slogan-Aufbau "Schlagwort 1. Schlagwort 2. Nachname" – ich befürchte nur, dass die meisten Wähler mit den vergleichsweise doch unbekannten Namen der FPD wenig anfangen können. Warum die FDP für Erststimmen plakatiert und dieses Geld nicht in Textplakate investiert ist mir ohnehin ein Rätsel bei einem Bundestrend plus/minus 5%.
Dank der Sloganidee immerhin ausreichend.

Linkspartei
Wie bei der FDP wird auch hier auf bewährtes im wahrsten Sinne des Wortes gesetzt – nur auf etwas höherem Niveau. Die Bundesplakate sind gewohnt weiß mit schwarzer Schrift und einem eingebauten roten Parteilogo. Die Inhalte werden über markige Slogans transportiert, die für die Zielgruppe somit eingängig sind – und von denen sich aufgrund teils überschneidender Inhalte sogar die SPD eine Scheibe hätte abschneiden können. Beispiele: "Nicht länger warten! Zwei-Klassen-Medizin abschaffen.", "Miete und Energie: Bezahlbar für alle.", "Genug gelabert! 10 Euro Mindestlohn jetzt.", "Statt Flaschen sammeln: Mindestrente!", "Der Osten wählt rot. Klar!". Geworben wird mit den bekannten Frontpersonen Sarah Wagenknecht und Gregor Gysi, die den Menschen ebenfalls noch einen netten Satz beim Vorbeifahren mit auf den Weg geben. Die Landesebene setzt dabei voll auf den Bundestrend und hofft, dass davon möglichst etwas über 5% in Hessen hängen bleiben. Erst seit kurzem findet man vereinzelte Personenplakate der beiden linken SpitzenkandidatInnen, ergänzt um das gelungenen Anti-Fluglärmmotiv (die Spitzenkandidatin, die sich die Ohren zuhält), was aber – so viel zum Thema bewährtes – bereits 2009 an den Laternen hing. Solange sich aber an den Forderungen nichts ändert, die Plakate zeitlos sind und ein Großteil des Wahlvolks ohnehin eher vergesslich ist, kann man nur sagen: Klug gemacht, Geld gespart und deshalb noch ein gut.

AfD
Ein Unterschied zwischen Plakaten auf Landes- und Bundesebene ist nicht zu erkennen, vermutlich auch nicht vorhanden bzw. gewollt. Was überrascht bzw. erschreckt ist die starke Präsenz der AfD, obwohl es sich doch noch um eine recht junge Partei handelt, offenbar aber mit Geldgebern gesegnet. Das dunkle blau mit weißer bzw. roter Schrift fällt definitiv im Straßenbild auf, auch weil dieses Layout so keine der übrigen Parteien verwendet – eine Verwechslung mit den Plakaten der Republikaner (das mag auch an den Teil inhaltsgleichen Slogans liegen) kann hingegen nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Diese Slogans sind aber zumindest recht eingängig und können bei einer bestimmten Klientel auch sicher haften bleiben. Insgesamt ein befriedigend.

Freie Wähler
Die Freien Wähler treten ähnlich wie in Bayern auch in Hessen an – im Gegenzug zu Bayern kann es bei dieser Wahl allerdings nur darum gehen, über die magische Grenze von 0,5% für die Wahlkampfkostenerstattung) zu kommen. Mehr ist bei diesen Plakaten auch nicht drin. Vom Aufbau ist keine klare Linie erkennbar, die Gestaltung erinnert mich an meine gestalterischen Anfänge in Microsoft Word mit Textfeldern und fetten bzw. unterstrichenen Wörtern. Zudem machen die Motive mit den dazugehörigen Sprüchen auch keinerlei Sinn bzw. transportieren keine Botschaft. Beispiel: Ein kleines Kind zieht einen Bollerwagen mit dem Spruch "Unser Hessen darf nicht sterben." Ebenso wenig fühle ich mich durch "Partner der Vernunft" oder eine Gruppe mir unbekannter und schwer erkennbarer Menschen mit der Botschaft "Neues Team für Hessen" angesprochen, bei den Freien Wählern mein Kreuz zu setzen. Für das schlechte Design und die noch schlechteren Motive und Slogans gibt es ein mangelhaft.

Piraten
Die Piraten präsentieren sich auf ihren Plakaten, wo auch ein Unterschied zwischen Landes- und Bundesebene im Straßenbild nicht erkennbar ist, gewohnt überladen und chaotisch. Damit fallen die Plakate allerdings im Straßenbild aus der Reihe und so zumindest auf. Und findet man die Zeit, die Botschaften zu lesen und im Kontext mit dem jeweiligen Motiv zu verstehen, steckt dahinter auch meist eine gelungene Botschaft, so etwa ein Hund mit dem Slogan "Ich hab was gegen Filz". Mit ihrem Themensetting und dem Layout besetzen die Piraten zudem eine inhaltliche und optische Nische im Straßenbild. Weil das Design aber manche überfordern mag und nicht jeder die Zeit findet, bei Tempo 50 eine Vollbremsung zum Studieren der teils sehr üppigen Texte hinzulegen, gibt es nur ein befriedigend.

NPD
Zum Glück ringen sich immer mehr der zum Glück insgesamt nur wenigen Kommunen, wo die NPD plakatiert, dazu durch, NPD-Plakate zu entfernen. Dafür gibt es ein sehr gut, denn die Plakate der NPD sind natürlich allesamt und ohne Ausnahme ungenügend.

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