Dienstag, Oktober 08, 2013

Zukunft gemeinsam gestalten

Thomas Wieczorek, mit dem ich gemeinsam den Bürgermeisterwahlkampf in Lorch von unserem Juso-Kollegen Sebastian Busch mit begleitet habe, hat eine schöne Zusammenfassung der letzten Wochen verfasst:


„Herzlich Willkommen in Lorch“ - so wird man am Ortseingang der beschaulichen Kleinstadt am Rande des hessischen Rheingau-Taunus-Kreises begrüßt. 3782 Einwohner verteilen sich hier auf sechs Stadtteile, drei davon liegen in den Höhen des Taunus. 45 Kilometer fährt man, um alle Ortsteile zu erreichen. Geld verdient das katholische Lorch mit Handwerk, Weinbau und Landwirtschaft – eine klassische CDU-Stadt. Der Bundestagswahlkreis ist eine schwarze Hochburg – selbst 1998, als sich die politische Landkarte der Bundesrepublik rot färbte, war der Rheingau-Taunus-Kreis einer von 4 schwarzen Flecken in Hessen. Bei der Bundestagswahl 2013 erzielte der CDU-Direktkandiat mit knapp 56 Prozent in Lorch sein bestes Ergebnis von allen 27 zum Wahlkreis gehörenden Städten und Gemeinden. Für die SPD blieben gerade einmal etwas mehr als 20 Prozent übrig.

Kein leichtes Pflaster für Sebastian Busch, der als Kandidat der SPD ins Rennen um das Amt des Bürgermeisters ging. Vor einigen Jahren gründete er die Jusos in Lorch, baute ein Jugendzentrum auf und war – na klar, auch Mitglied beim Fußballverein SV Wisper Lorch. Der Pokal von der gewonnenen Kreismeisterschaft steht noch heute in Buschs Wohnzimmer.

Jahre später wurde er Kreisvorsitzender der Jusos, danach übernahm er den Vorsitz des SPD-Ortsvereins in Lorch. Nach seinem Studium, das Busch als einer der Jahrgangsbesten abgeschlossen hatte, war Busch als Prozessingenieur für einen internationalen Automobilzulieferer in den USA und Asien unterwegs. Jetzt sollte die nächste Herausforderung auf ihn warten: Bürgermeisterwahlkampf in seiner Heimatstadt.

"Ich habe Lorch im Blut"

In die Großstädte des Rhein-Main-Gebietes hat es ihn nie gezogen. Während seiner Studienzeit wohnte er für 2 Jahre in Wiesbaden, kam dann aber zurück nach Lorch. Hier ist seine Familie fest verwurzelt – sein Urgroßvater baute damals die erste Apotheke in Lorch, sein Großvater war erster Stadtrat -  hier leben noch heute seine Eltern. Ein Verwandter mütterlicherseits war Bürgermeister des damals noch eigenständigen Stadtteils Lorchhausen. Im letzten Jahr heiratete Busch seine Frau Sophia – beide zogen in eine gemeinsame Wohnung. Direkt gegenüber ist der Supermarkt, in dem Buschs Mutter arbeitet. So klein ist Lorch.

„Ich habe Lorch im Blut“, ist einer dieser Sätze, den er in diesem Wahlkampf noch öfter sagen wird. Wer ihn begleitet, merkt schnell, was er damit meint. Steht man einige Minuten mit Busch am Straßenrand, bleiben Autos stehen, es wird kurz geredet. Andere hupen, winken und fahren weiter. Man kennt sich in Lorch.

"Ab jetzt kämpfen wir gemeinsam"

Wer wissen will, wie Lorch tickt, muss in die Höhengemeinden fahren. Nach mehreren Kilometern durch den Wald, an der Wisper, einem kleinen Bach, entlang, erreicht man sie. Knapp 1300 Einwohner verteilen sich auf die drei Stadtteile Ransel, Wollmerschied und Espenschied. Hier oben fühlt man sich benachteiligt, ein Kindergarten wurde geschlossen. Die Politik konzentriere sich vielmehr auf die Stadtteile unten im Rheintal mit ihren 2500 Einwohnern. Im ersten Wahlgang erzielte der Amtsinhaber von der CDU in den Höhengemeinden nur noch knapp 15 Prozent. Vor sechs Jahren hatte er mit über 80 Prozent in den Höhengemeinden noch seine Hochburgen. Die Unzufriedenheit ist spürbar. Stefan Gellweiler, der Kandidat der FWG, sammelte seine Stimmen vor allem hier oben. Für die Stichwahl hat es nicht gereicht. Nun unterstützt er Busch. Der 27-jährige nutzt die Gelegenheit, macht sich in den Höhengemeinden bekannt. Auf seine Wahlplakate klebt Busch ab jetzt auch das FWG-Logo, die Plakatständer der FWG werden mit Plakaten von Busch überklebt. „Ab jetzt kämpfen wir gemeinsam“ - Das ist die Botschaft.

Seine Veranstaltungen nennt er „rollende Straußwirtschaft“ - man sitzt zusammen, trinkt Wein und unterhält sich über Politik. Die Resonanz ist gut – gerade in den Höhengemeinden strömen die Leute zu seinen Terminen.

"Die Leute wollen wissen, wer ich bin"

Auf dem Heimweg in die Lorcher Kernstadt freut Busch sich über diesen Zuspruch. Doch unten wartet wieder die CDU-Hochburg auf ihn. In Lorch ist es nicht nur Gewohnheit, sondern fast schon Ritual, CDU zu wählen. Die CDU demonstriert in der letzten Wahlkampfwoche nochmal ihre Übermacht und lässt ihre Prominenten auflaufen: Ex-Ministerpräsidenten und Staatssekretäre machen Wahlkampf für den Amtsinhaber. Die örtlichen Landtags- und Bundestagsabgeordneten wenden sich per Postwurfsendung an alle Bürger. Über Busch schreiben sie, dass dieser „nichts vorzuweisen“ habe. Sein junges Alter ist der CDU ein besonderer Dorn im Auge. Busch wäre der jüngste Bürgermeister in Hessen. Die Kampagne des Amtsinhabers konzentriert sich darauf, Busch als unerfahren und unqualifiziert darzustellen. In der lokalen Tageszeitung werden Anzeigen geschaltet: Eine Viertelseite, ein Wahlaufruf, unterschrieben von über 30 Bürgern, darunter viele Unternehmer mit CDU-Parteibuch. Buschs Anzeige ist 5 x 6 cm groß.

Der junge Kandidat entscheidet sich, zu kämpfen. Er sammelt ein junges Team um sich, gibt sich eine frische Kampagne und ein modernes Programm: Erneuerbare Energien sind sein Thema. Damit will er die klamme Gemeindekasse füllen, die riesigen Waldflächen sind dafür bestens geeignet. "Drüben" - in Rheinland-Pfalz, Lorch liegt direkt an der Landesgrenze, bauen sie schon. Jetzt soll endlich auch in Buschs Heimatstadt geplant werden. Vor einigen Jahren hatte Lorch noch über 5.000 Einwohner, jetzt sind es noch rund 3.700. Der Abzug der Bundeswehr hat der Stadt geschadet. Die Pro-Kopf-Neuverschuldung war 2012 nirgendwo in Hessen so hoch wie in Lorch. Der Nachtragshaushalt für 2013 wurde vom Regierungspräsidium nicht genehmigt. Mangelverwaltung.

"Ich will Lorch fit für die Zukunft machen" sagt Busch dann. Beobachtet man ihn dabei, merkt man, dass er es ernst meint. Wichtig sei vor allem, die Eigenständigkeit der Stadt zu bewahren.

Busch setzt auf seine Stärken: Er geht auf die Bürger zu, ist kommunikativ und kann Menschen für sich gewinnen. Er führt den Wahlkampf intensiv, produziert sehr viel Material. Sein Programm „Zukunft gemeinsam gestalten“ hat er selbst geschrieben. Auf seinen Flyern setzt er auch auf viele Bilder. „Die Leute wollen wissen, wer ich bin“, sagt er zu seiner starken Präsenz. Er tackert kleine Tüten mit Blumensamen in seine Flyer. „Ein Busch für ihr Zuhause“ steht dort. So was kommt an in Lorch.

"Lorch ist offener, als viele von außen vielleicht denken"

Und diesmal soll auch die SPD ihre Prominenten nach Lorch schicken. Der offen homosexuelle Generalsekretär der Landespartei, Michael Roth, geht mit Busch von Haustür zu Haustür. „Lorch ist viel offener als manche von außen vielleicht denken“, erklärt Busch. Und auch der Landesvorsitzende der hessischen SPD, Thorsten Schäfer-Gümbel, kommt gleich zwei Mal. Bei „Weck und Woi“ trifft man sich auf dem Marktplatz. Viele sind neugierig, kommen vorbei, lassen sich Autogramme geben. Die spannenden Koalitionsverhandlungen sind natürlich Thema. In Wiesbaden trifft Busch sich mit Nancy Faeser, Kandidatin für das Amt der Ministerin für Inneres und Kommunales im Schattenkabinett von Schäfer-Gümbel.

Es läuft gut für den jungen Kandidaten – doch ob es für den Sieg reicht, das ist unsicher. Es wird jedenfalls knapp, das weiß jeder.

Am Wahlabend, im ersten Stock des Lorcher Rathauses, haben sich alle versammelt. Rechts die CDU-Anhänger, links Buschs Unterstützer. Es gibt Mineralwasser, zwei städtische Beamte haben das Bild der eingehenden Ergebnisse per Beamer auf eine Wand projiziert. Im Lorcher Rathaus, das sieht man nun, nutzt man den Internet Explorer. Zwischendurch klingelt das Telefon. "Gisela" nennen sie es hier. Bürger rufen an, wollen erste Ergebnisse wissen.

Zuerst sind die drei Höhengemeinden ausgezählt – es gibt Traumergebnisse: Wollmerschied meldet 90,9 Prozent für Busch, Ransel 88,1 und Espenschied 53,8 Prozent. Insgesamt führt Busch zu diesem Zeitpunkt mit 81,2 Prozent - er hat ein Polster von 273 Stimmen.

Nach den nächsten Ergebnissen aus Ranselberg und Lorchhausen verkleinert sich das Polster auf 176 Stimmen - der Abstand ist aber immer noch groß.

Es fehlen nur noch 2 Wahllokale in der Kernstadt und die Briefwahl. Als das nächste Ergebnis kommt, wird sein Vorsprung immer kleiner, aber er führt mit 85 Stimmen. Große Spannung im Rathaus - gelingt die Sensation? Das letzte Wahllokal vor der Briefwahl kippt das Ergebnis zum ersten Mal: Nun steht es 49 Prozent für Busch, 51 für den Amtsinhaber. 31 Stimmen Vorsprung sind aufzuholen.

Lange Minuten vergehen, die Hoffnungen ruhen nun auf den knapp 500 Briefwahlstimmen. Es dauert ewig, am Ende holt Busch 46,6 Prozent.

Fortsetzung folgt – in sechs Jahren.

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