Freitag, November 08, 2013

Ein Abschied. Warum ich heute auch mal aus der SPD austrete

Eine (zynische) Replik auf Yasmina Banaszczuk

Ich trete heute auch mal aus der SPD aus. Das Parteibuch habe ich eingescannt und per E-Mail abgeschickt mittels eines kleinen, schwarzen iPads mit Blingbling-Diamanten, auf den Weg ins Willy-Brandt-Haus. Dem @sigmargabriel habe ich außerdem einen Screenshot auf seine Facebook-Pinnwand gesetzt.


Nein, es ist nicht wegen der VDS (=Vorratsdatenspeicherung – für all diejenigen in der Lebensrealität da draußen, denen die hippen Internetabkürzungen nicht so geläufig sind). Auch wenn das ein guter Grund wäre. Nein, es ist nicht wegen des desaströsen Wahlkampfs und des immer noch ausstehenden und wohl nie kommenden kritischen Auseinandersetzen damit. Auch wenn das ein guter Grund wäre. Nein, es ist nicht wegen der Großen Koalition und dem Postengeschacher, dass der Parteivorstand unbedingt durchsetzen will (machen die zwar nicht, aber andere behaupten das und ich sag das dann einfach auch mal), aber die Mitglieder verbindlich dazu befragt (ups, widerspreche ich mir gerade?). Auch wenn das ein guter Grund wäre. Nein, ich konnte nicht bis zur Abstimmung zur GroKo (=Große Koalition – siehe oben. Kann man übrigens auch mit Hashtag schreiben. Das geht so: #GroKo) warten. Ja, es ist definitiv ultimativ endgültig.


Ich bin sehr traurig darüber zu gehen, aber die letzten Wochen, viele Stunden Gespräche mit klugen Menschen und noch mehr Stunden Reflektion und Überlegungen ließen keinen anderen Schluss zu: ich bin vom vielen Bloggen und Twittern politisch ausgebrannt, ich bin emotional mit dieser Partei, die ich in der Vergangenheit schon so oft öffentlich kritisiert habe, am Ende, und ich kann das alles in meinem Wertesystem nicht weiter tragen. Der Anlass ist nicht ein spezielles Thema oder irgendeine der vielen doofen Aktionen, die in den letzten Wochen und Monaten so liefen (Beispiele mag ich hier jetzt aber keine nennen, ich lasse das lieber mal im Raum stehen), nein. Der letzte Tropfen, der das Fass voll Frust und Resignation und Verzweiflung und – ja, auch – Verletzung und und und zum Überlaufen brachte, war das Stern-Panel mit Sigmar Gabriel letzte Woche – das ist so eine Sendung, die kann man sich am PC anschauen, wenn man darauf Videos abspielen kann.


In den letzten Monaten – eigentlich jetzt seit anderthalb Jahren (das sind 18 Monate) – beschäftige und engagiere ich mich in dieser Partei stark zu innerparteilicher Demokratie, Partizipation (=Fremdwort) und Diversität (=Fremdwort). Mit dem Mitgliederbegehren gegen die VDS (siehe oben) wollte ich alte Krusten einreißen, leider habe ich aber das notwendige Quorum um Meilen verfehlt – vermutlich weil es sich bei der VDS (=immer noch Vorratsdatenspeicherung) um ein Thema handelt, was Drei Viertel dieser Partei altersbedingt nicht tangiert (=Fremdwort). Trotzdem habe ich damit mal so richtig für Wind unter meinen Followern gesorgt und Jurist_/*Innen und Parteivorstand gleichermaßen mussten sich mit mir beschäftigen (was machen die eigentlich sonst so den ganzen Tag?). Nachdem das mit der VDS (ne, jetzt müsstet ihr langsam verstanden haben, was das heißt) nicht geklappt hat, habe ich aufgeschrieben, warum ich es doof finde, das ich mit meinem iPad auf der Couch in einer Partei mit einer knappen halben Millionen Mitglieder nicht durch ein paar Likes und Retweets Mehrheiten verändern kann, die durch ein seit Jahrzehnten bewährtes System innerparteilicher Meinungsbildung – vom Ortsverein bis hin zum Bundesparteitag – bestätigt wurden. Als ich dann trotz der vielen Stunden, in denen ich mit Menschen spreche und selbst reflektiere noch ein bisschen Zeit hatte, habe ich noch ein Papier geschrieben, in dem ich Habitus (=kommt von Haben, nicht von Tinitus) und Macht in Parteien untersucht habe. Dabei habe ich festgestellt, dass bestimmte Strukturen innerhalb der Partei den Prozess zu mehr Diversität (ihr wisst schon) auf allen Ebenen behindern. Auf Bitte von Andrea Nahles habe ich ihr dieses Paper (=Papier) zugeschickt – per E-Mail. Auch danach habe ich mich noch mit Menschen unterhalten, auch wenn das sehr anstrengend war.


Was bleibt im November 2013? Die Erinnerung an ein paar Mitarbeiter_/*Innen im Willy-Brandt-Haus, die mir erklären wollten, dass nicht alle 470.000 Mitglieder auf meine in Papieren niedergeschriebenen Reformvorschläge sehnsüchtig gewartet haben. Das Wissen, dass man auch zukünftig für einen Mitgliederentscheid mehr als ein paar Likes und Retweets braucht. Und die doofe Andrea, die lieber im Bundestag singt, als mir eine E-Mail zu schreiben. Klaro, dass das eine Machtfrage ist, oder?


Doch jetzt hat Sigmar den Vogel auf der Stern-Veranstaltung abgeschossen (also sprichwörtlich, er hat nicht Moorhuhn gespielt oder so – auch so ein Spiel im Internet). Nachdem er letztes Jahr zu mir genauso unfreundlich war wie des öfteren auch zu anderen Mitgliedern und Nichtmitgliedern (ja, manchmal hat er sich da einfach nicht im Griff und ist etwas emotional), behauptete er jetzt allen Ernstes, dass „diese Internetaktivist*_/Innen ja alle Berliner Intellektuelle seien, die keine Ahnung von Lebensrealitäten hätten“. Wie kommt er darauf, dass ich intellektuell sei (ich habe meine Promotion doch gerade erst wegen der Parteiarbeit viele Monate unterbrochen) und meine Lebensrealität (die Likes, Retweets und Hashtags) bei den rund Zwei Dritteln der über 60-jährigen in unserer Partei oder den Männern und Frauen, die für weniger als 8,50 Euro über 40 Stunden in Friseursalons, auf WCs oder in Gruben malochen nicht auch deren Lebensrealität entspricht? WTF, Siggi?!?! (=What the *englisches Schimpfwort*). Und da ist irgendwas in mir zerbrochen. Keine Ahnung, ja? Hm. Komisch. Ich habe wie die meisten der 470.000 Mitglieder in dieser Partei in meiner Freizeit ehrenamtliches Engagement in diese Partei gesteckt. Ich habe zwar kaum Infostände und Wahlkampfveranstaltungen besucht – finde ich auch eher doof, so den Direktkontakt mit unseren Wähler*/_I, ich konzentriere mich lieber auf das Internet und dort durch möglichst kritische Beiträge zu unserer Partei Wähler/_*Innen zu gewinnen – und parallel noch u.a. für SPD-Mitglieder der Hamburger Bürgerschaft arbeiten müssen, weil mir die Partei für mein Engagement nicht direkt Geld bezahlt hat (ich weiß, dass trifft auch auf die meisten anderen Mitglieder zu, aber ich wollte es trotzdem mal gesagt haben). Aber jetzt hätte ich gerne eine Zeitmaschine und würde wie Marty Mc Fly in der Zeit zurück reisen…und, ach übrigens: Nicht mal eine Statue im Willy-Brandt-Haus habe ich erhalten für meine tolle Leistung – MENNO! (sie hätte auch gar nicht so groß sein müssen wie die von Willy). Ich nehme das persönlich. Wie ich überhaupt jede Kritik an meinen Äußerungen und jede nicht erfolgte Unterschrift unter meinem Mitgliederbegehren persönlich nehme und auch nicht nachvollziehen kann, warum sich Leute kritisch mit mir und meinen öffentlichen Äußerungen auseinandersetzen. Ich like, retweete, blogge und poste doch nicht, damit ich Aufmerksamkeit und Feedback erhalte, Mensch, sondern um der Partei zu helfen! Siggi, Du bist ein Angsthase, pffft!


Achso: Wenn ich mehr als 50 Likes erhalte, komme ich vielleicht doch irgendwann wieder in die Partei zurück.


Ich schreibe das ohne Aluhut. Just so you know. ^^ Man sieht sich immer zwei Mal im Leben – mindestens! In der Partei sogar monatlich/wöchentlich/täglich.


P.S.: Wagt euch ja nicht, hier jetzt Kommentare zu schreiben!

Kommentare:

  1. Ich habe es gewagt. Möge mich der BANN-HAMMER treffen, auf dass ich für immer aus der Blogosphäre Yasmina Banaszczuks katapultiert werde ^^

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  2. Bleib drin. Es kann nicht sein, dass uns laufend intelligente Leute verlassen. Gruss Ivica

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  3. Anonym14:07

    Sowas von schlecht geschrieben ... In einer Partei, in der solche Labertaschen wie Sie unterwegs sind, würde ich es auch keine 18 Monate aushalten ...

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  4. Anonym15:26

    Eine gute Entscheidung!

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  5. Anonym15:58

    bitte bitte, tritt nicht aus!!! nur wenn du mal aufs klo musst.

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  6. JETZT trete ich auch aus!

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  7. Anonym15:41

    Für mich war der angesprochene Sigmar-Stern-Beitrag einer der gaanz-gaanz wenigen Momente, in welchen die SPD (*wer har uns verraten?) mal überzeugen konnte. Ihr darauf verweisendes Mimimi ist nicht im Ansatz nachvollziehbar. Aber klar, damit sind Sie vermutlich bei den Piraten besser aufgehoben. Da strotzt es nur so von Heuelsusen, die (mentale) Verstopfungen kriegen, wenn sie mal nicht genug "geliked" werden ^^

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  8. Anonym16:05

    ich hoffe mit meinem Beitrag, komme damit den 50 "Likes" näher...

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  9. Anonym10:22

    Witzig, dass einige Kommentator*_/Innen offenbar wirklich glauben, dass Sie austreten. Ich habe jedenfalls herzhaft gelacht, sehr guter Artikel!

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