Samstag, Januar 31, 2015

R.I.P. Richard von Weizsäcker

Einer der größten Bundespräsidenten, den unser Land hatte, ist von uns gegangen im gesegneten ALter von 94 Jahren. In Erinnerung bleibt vor allem seine Rede bei der Gedenkveranstaltung im Plenarsaal des Deutschen Bundestages zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa.

Bonn, 8. Mai 1985 
I.

Viele Völker gedenken heute des Tages, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging. Seinem Schicksal gemäß hat jedes Volk dabei seine eigenen Gefühle. Sieg oder Niederlage, Befreiung von Unrecht und Fremdherrschaft oder Übergang zu neuer Abhängigkeit, Teilung, neue Bündnisse, gewaltige Machtverschiebungen - der 8. Mai 1945 ist ein Datum von entscheidender historischer Bedeutung in Europa.

Wir Deutsche begehen den Tag unter uns, und das ist notwendig. Wir müssen die Maßstäbe allein finden. Schonung unserer Gefühle durch uns selbst oder durch andere hilft nicht weiter. Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit so gut wir es können ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit.

Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mußten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen.

Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewußt erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos. Dieser wurde befreit, für jenen begann die Gefangenschaft. Viele waren einfach nur dafür dankbar, daß Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davongekommen waren. Andere empfanden Schmerz über die vollständige Niederlage des eigenen Vaterlandes. Verbittert standen Deutsche vor zerrissenen Illusionen, dankbar andere Deutsche vor dem geschenkten neuen Anfang.

Es war schwer, sich alsbald klar zu orientieren. Ungewißheit erfüllte das Land. Die militärische Kapitulation war bedingungslos. Unser Schicksal lag in der Hand der Feinde. Die Vergangenheit war furchtbar gewesen, zumal auch für viele dieser Feinde. Würden sie uns nun nicht vielfach entgelten lassen, was wir ihnen angetan hatten?

Die meisten Deutschen hatten geglaubt, für die gute Sache des eigenen Landes zu kämpfen und zu leiden. Und nun sollte sich herausstellen: Das alles war nicht nur vergeblich und sinnlos, sondern es hatte den unmenschlichen Zielen einer verbrecherischen Führung gedient. Erschöpfung, Ratlosigkeit und neue Sorgen kennzeichneten die Gefühle der meisten. Würde man noch eigene Angehörige finden? Hatte ein Neuaufbau in diesen Ruinen überhaupt Sinn?

Der Blick ging zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine ungewisse dunkle Zukunft.

Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte.

Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.

Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg.

II.

Der 8. Mai ist ein Tag der Erinnerung. Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, daß es zu einem Teil des eigenen Innern wird. Das stellt große Anforderungen an unsere Wahrhaftigkeit.

Wir gedenken heute in Trauer aller Toten des Krieges und der Gewaltherrschaft.

Wir gedenken insbesondere der sechs Millionen Juden, die in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden.

Wir gedenken aller Völker, die im Krieg gelitten haben, vor allem der unsäglich vielen Bürger der Sowjetunion und der Polen, die ihr Leben verloren haben.

Als Deutsche gedenken wir in Trauer der eigenen Landsleute, die als Soldaten, bei den Fliegerangriffen in der Heimat, in Gefangenschaft und bei der Vertreibung ums Leben gekommen sind.

Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma, der getöteten Homosexuellen, der umgebrachten Geisteskranken, der Menschen, die um ihrer religiösen oder politischen Überzeugung willen sterben mußten.

Wir gedenken der erschossenen Geiseln.

Wir denken an die Opfer des Widerstandes in allen von uns besetzten Staaten.

Als Deutsche ehren wir das Andenken der Opfer des deutschen Widerstandes, des bürgerlichen, des militärischen und glaubensbegründeten, des Widerstandes in der Arbeiterschaft und bei Gewerkschaften, des Widerstandes der Kommunisten.

Wir gedenken derer, die nicht aktiv Widerstand leisteten, aber eher den Tod hinnahmen, als ihr Gewissen zu beugen.

Neben dem unübersehbar großen Heer der Toten erhebt sich ein Gebirge menschlichen Leids,
Leid um die Toten,
Leid durch Verwundung und Verkrüppelung,
Leid durch unmenschliche Zwangssterilisierung,
Leid in Bombennächten,
Leid durch Flucht und Vertreibung, durch Vergewaltigung und Plünderung, durch Zwangsarbeit, durch Unrecht und Folter, durch Hunger und Not,
Leid durch Angst vor Verhaftung und Tod,
Leid durch Verlust all dessen, woran man irrend geglaubt und wofür man gearbeitet hatte.

Heute erinnern wir uns dieses menschlichen Leids und gedenken seiner in Trauer.

Den vielleicht größten Teil dessen, was den Menschen aufgeladen war, haben die Frauen der Völker getragen.

Ihr Leiden, ihre Entsagung und ihre stille Kraft vergißt die Weltgeschichte nur allzu leicht. Sie haben gebangt und gearbeitet, menschliches Leben getragen und beschützt. Sie haben getrauert um gefallene Väter und Söhne, Männer, Brüder und Freunde.

Sie haben in den dunkelsten Jahren das Licht der Humanität vor dem Erlöschen bewahrt.

Am Ende des Krieges haben sie als erste und ohne Aussicht auf eine gesicherte Zukunft Hand angelegt, um wieder einen Stein auf den anderen zu setzen, die Trümmerfrauen in Berlin und überall.

Als die überlebenden Männer heimkehrten, mußten Frauen oft wieder zurückstehen. Viele Frauen blieben aufgrund des Krieges allein und verbrachten ihr Leben in Einsamkeit.

Wenn aber die Völker an den Zerstörungen, den Verwüstungen, den Grausamkeiten und Unmenschlichkeiten innerlich nicht zerbrachen, wenn sie nach dem Krieg langsam wieder zu sich selbst kamen, dann verdanken wir es zuerst unseren Frauen.

III.

Am Anfang der Gewaltherrschaft hatte der abgrundtiefe Haß Hitlers gegen unsere jüdischen Mitmenschen gestanden. Hitler hatte ihn nie vor der Öffentlichkeit verschwiegen, sondern das ganze Volk zum Werkzeug dieses Hasses gemacht. Noch am Tag vor seinem Ende am 30. April 1945 hatte er sein sogenanntes Testament mit den Worten abgeschlossen: "Vor allem verpflichte ich die Führung der Nation und die Gefolgschaft zur peinlichen Einhaltung der Rassegesetze und zum unbarmherzigen Widerstand gegen den Weltvergifter aller Völker, das internationale Judentum."

Gewiß, es gibt kaum einen Staat, der in seiner Geschichte immer frei blieb von schuldhafter Verstrickung in Krieg und Gewalt. Der Völkermord an den Juden jedoch ist beispiellos in der Geschichte.

Die Ausführung des Verbrechens lag in der Hand weniger. Vor den Augen der Öffentlichkeit wurde es abgeschirmt. Aber jeder Deutsche konnte miterleben, was jüdische Mitbürger erleiden mußten, von kalter Gleichgültigkeit über versteckte Intoleranz bis zu offenem Haß.

Wer konnte arglos bleiben nach den Bränden der Synagogen, den Plünderungen, der Stigmatisierung mit dem Judenstern, dem Rechtsentzug, der unaufhörlichen Schändung der menschlichen Würde?

Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, daß Deportationszüge rollten. Die Phantasie der Menschen mochte für Art und Ausmaß der Vernichtung nicht ausreichen. Aber in Wirklichkeit trat zu den Verbrechen selbst der Versuch allzu vieler, auch in meiner Generation, die wir jung und an der Planung und Ausführung der Ereignisse unbeteiligt waren, nicht zur Kenntnis zu nehmen, was geschah.

Es gab viele Formen, das Gewissen ablenken zu lassen, nicht zuständig zu sein, wegzuschauen, zu schweigen. Als dann am Ende des Krieges die ganze unsagbare Wahrheit des Holocaust herauskam, beriefen sich allzu viele von uns darauf, nichts gewußt oder auch nur geahnt zu haben.

Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht. Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich.

Es gibt entdeckte und verborgen gebliebene Schuld von Menschen. Es gibt Schuld, die sich Menschen eingestanden oder abgeleugnet haben. Jeder, der die Zeit mit vollem Bewußtsein erlebt hat, frage sich heute im Stillen selbst nach seiner Verstrickung.

Der ganz überwiegende Teil unserer heutigen Bevölkerung war zur damaligen Zeit entweder im Kindesalter oder noch gar nicht geboren. Sie können nicht eine eigene Schuld bekennen für Taten, die sie gar nicht begangen haben.

Kein fühlender Mensch erwartet von ihnen, ein Büßerhemd zu tragen, nur weil sie Deutsche sind. Aber die Vorfahren haben ihnen eine schwere Erbschaft hinterlassen.

Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen.

Jüngere und Ältere müssen und können sich gegenseitig helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten.

Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie läßt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.

Das jüdische Volk erinnert sich und wird sich immer erinnern. Wir suchen als Menschen Versöhnung.

Gerade deshalb müssen wir verstehen, daß es Versöhnung ohne Erinnerung gar nicht geben kann. Die Erfahrung millionenfachen Todes ist ein Teil des Innern jedes Juden in der Welt, nicht nur deshalb, weil Menschen ein solches Grauen nicht vergessen können. Sondern die Erinnerung gehört zum jüdischen Glauben.

"Das Vergessenwollen verlängert das Exil,
und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung."

Diese oft zitierte jüdische Weisheit will wohl besagen, daß der Glaube an Gott ein Glaube an sein Wirken in der Geschichte ist.

Die Erinnerung ist die Erfahrung vom Wirken Gottes in der Geschichte. Sie ist die Quelle des Glaubens an die Erlösung. Diese Erfahrung schafft Hoffnung, sie schafft Glauben an Erlösung, an Wiedervereinigung des Getrennten, an Versöhnung. Wer sie vergißt, verliert den Glauben.

Würden wir unsererseits vergessen wollen, was geschehen ist, anstatt uns zu erinnern, dann wäre dies nicht nur unmenschlich. Sondern wir würden damit dem Glauben der überlebenden Juden zu nahe treten, und wir würden den Ansatz zur Versöhnung zerstören.

Für uns kommt es auf ein Mahnmal des Denkens und Fühlens in unserem eigenen Inneren an.

IV.

Der 8. Mai ist ein tiefer historischer Einschnitt, nicht nur in der deutschen, sondern auch in der europäischen Geschichte.

Der europäische Bürgerkrieg war an sein Ende gelangt, die alte europäische Welt zu Bruch gegangen. "Europa hatte sich ausgekämpft" (M. Stürmer). Die Begegnung amerikanischer und sowjetrussischer Soldaten an der Elbe wurde zu einem Symbol für das vorläufige Ende einer europäischen Ära.

Gewiß, das alles hatte seine alten geschichtlichen Wurzeln. Großen, ja bestimmenden Einfluß hatten die Europäer in der Welt, aber ihr Zusammenleben auf dem eigenen Kontinent zu ordnen, das vermochten sie immer schlechter. Über hundert Jahre lang hatte Europa unter dem Zusammenprall nationalistischer Übersteigerungen gelitten. Am Ende des Ersten Weltkrieges war es zu Friedensverträgen gekommen. Aber ihnen hatte die Kraft gefehlt, Frieden zu stiften. Erneut waren nationalistische Leidenschaften aufgeflammt und hatten sich mit sozialen Notlagen verknüpft.

Auf dem Weg ins Unheil wurde Hitler die treibende Kraft. Er erzeugte und er nutzte Massenwahn. Eine schwache Demokratie war unfähig, ihm Einhalt zu gebieten. Und auch die europäischen Westmächte, nach Churchills Urteil "arglos, nicht schuldlos", trugen durch Schwäche zur verhängnisvollen Entwicklung bei. Amerika hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg wieder zurückgezogen und war in den dreißiger Jahren ohne Einfluß auf Europa.

Hitler wollte die Herrschaft über Europa, und zwar durch Krieg. Den Anlaß dafür suchte und fand er in Polen.

Am 23. Mai 1939 - wenige Monate vor Kriegsausbruch - erklärte er vor der deutschen Generalität: "Weitere Erfolge können ohne Blutvergießen nicht mehr errungen werden ... Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht. Es handelt sich für uns um die Erweiterung des Lebensraumes im Osten und Sicherstellung der Ernährung ... Es entfällt also die Frage, Polen zu schonen, und bleibt der Entschluß, bei erster passender Gelegenheit Polen anzugreifen ... Hierbei spielen Recht oder Unrecht oder Verträge keine Rolle."

Am 23. August 1939 wurde der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt geschlossen. Das geheime Zusatzprotokoll regelte die bevorstehende Aufteilung Polens.

Der Vertrag wurde geschlossen, um Hitler den Einmarsch in Polen zu ermöglichen. Das war der damaligen Führung der Sowjetunion voll bewußt. Allen politisch denkenden Menschen jener Zeit war klar, daß der deutsch-sowjetische Pakt Hitlers Einmarsch in Polen und damit den Zweiten Weltkrieg bedeutete.

Dadurch wird die deutsche Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nicht verringert. Die Sowjetunion nahm den Krieg anderer Völker in Kauf, um sich am Ertrag zu beteiligen. Die Initiative zum Krieg aber ging von Deutschland aus, nicht von der Sowjetunion.

Es war Hitler, der zur Gewalt griff. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bleibt mit dem deutschen Namen verbunden.

Während dieses Krieges hat das nationalsozialistische Regime viele Völker gequält und geschändet.

Am Ende blieb nur noch ein Volk übrig, um gequält, geknechtet und geschändet zu werden: das eigene, das deutsche Volk. Immer wieder hat Hitler ausgesprochen: wenn das deutsche Volk schon nicht fähig sei, in diesem Krieg zu siegen, dann möge es eben untergehen. Die anderen Völker wurden zunächst Opfer eines von Deutschland ausgehenden Krieges, bevor wir selbst zu Opfern unseres eigenen Krieges wurden.

Es folgte die von den Siegermächten verabredete Aufteilung Deutschlands in verschiedene Zonen. Inzwischen war die Sowjetunion in alle Staaten Ost- und Südosteuropas, die während des Krieges von Deutschland besetzt worden waren, einmarschiert. Mit Ausnahme Griechenlands wurden alle diese Staaten sozialistische Staaten.

Die Spaltung Europas in zwei verschiedene politische Systeme nahm ihren Lauf. Es war erst die Nachkriegsentwicklung, die sie befestigte. Aber ohne den von Hitler begonnenen Krieg wäre sie nicht gekommen. Daran denken die betroffenen Völker zuerst, wenn sie sich des von der deutschen Führung ausgelösten Krieges erinnern.

Im Blick auf die Teilung unseres eigenen Landes und auf den Verlust großer Teile des deutschen Staatsgebietes denken auch wir daran. In seiner Predigt zum 8. Mai sagte Kardinal Meißner in Ostberlin: "Das trostlose Ergebnis der Sünde ist immer die Trennung."

V.

Die Willkür der Zerstörung wirkte in der willkürlichen Verteilung der Lasten nach. Es gab Unschuldige, die verfolgt wurden, und Schuldige, die entkamen. Die einen hatten das Glück, zu Hause in vertrauter Umgebung ein neues Leben aufbauen zu können. Andere wurden aus der angestammten Heimat vertrieben.

Wir in der späteren Bundesrepublik Deutschland erhielten die kostbare Chance der Freiheit. Vielen Millionen Landsleuten bleibt sie bis heute versagt.

Die Willkür der Zuteilung unterschiedlicher Schicksale ertragen zu lernen, war die erste Aufgabe im Geistigen, die sich neben der Aufgabe des materiellen Wiederaufbaus stellte. An ihr mußte sich die menschliche Kraft erproben, die Lasten anderer zu erkennen, an ihnen dauerhaft mitzutragen, sie nicht zu vergessen. In ihr mußte die Fähigkeit zum Frieden und die Bereitschaft zur Versöhnung nach innen und außen wachsen, die nicht nur andere von uns forderten, sondern nach denen es uns selbst am allermeisten verlangte.

Wir können des 8. Mai nicht gedenken, ohne uns bewußtzumachen, welche Überwindung die Bereitschaft zur Aussöhnung den ehemaligen Feinden abverlangte. Können wir uns wirklich in die Lage von Angehörigen der Opfer des Warschauer Ghettos oder des Massakers von Lidice versetzen?

Wie schwer mußte es aber auch einem Bürger in Rotterdam oder London fallen, den Wiederaufbau unseres Landes zu unterstützen, aus dem die Bomben stammten, die erst kurze Zeit zuvor auf seine Stadt gefallen waren! Dazu mußte allmählich eine Gewißheit wachsen, daß Deutsche nicht noch einmal versuchen würden, eine Niederlage mit Gewalt zu korrigieren.

Bei uns selbst wurde das Schwerste den Heimatvertriebenen abverlangt. Ihnen ist noch lange nach dem 8. Mai bitteres Leid und schweres Unrecht widerfahren. Um ihrem schweren Schicksal mit Verständnis zu begegnen, fehlt uns Einheimischen oft die Phantasie und auch das offene Herz.

Aber es gab alsbald auch große Zeichen der Hilfsbereitschaft. Viele Millionen Flüchtlinge und Vertriebene wurden aufgenommen. Im Laufe der Jahre konnten sie neue Wurzeln schlagen. Ihre Kinder und Enkel bleiben auf vielfache Weise der Kultur und der Liebe zur Heimat ihrer Vorfahren verbunden. Das ist gut so, denn das ist ein wertvoller Schatz in ihrem Leben.

Sie haben aber selbst eine neue Heimat gefunden, in der sie mit den gleichaltrigen Einheimischen aufwachsen und zusammenwachsen, ihre Mundart sprechen und ihre Gewohnheiten teilen. Ihr junges Leben ist ein Beweis für die Fähigkeit zum inneren Frieden. Ihre Großeltern oder Eltern wurden einst vertrieben, sie jedoch sind jetzt zu Hause.

Früh und beispielhaft haben sich die Heimatvertriebenen zum Gewaltverzicht bekannt. Das war keine vergängliche Erklärung im anfänglichen Stadium der Machtlosigkeit, sondern ein Bekenntnis, das seine Gültigkeit behält. Gewaltverzicht bedeutet, allseits das Vertrauen wachsen zu lassen, daß auch ein wieder zu Kräften gekommenes Deutschland daran gebunden bleibt.

Die eigene Heimat ist mittlerweile anderen zur Heimat geworden. Auf vielen alten Friedhöfen im Osten finden sich heute schon mehr polnische als deutsche Gräber.

Der erzwungenen Wanderschaft von Millionen Deutschen nach Westen folgten Millionen Polen und ihnen wiederum Millionen Russen. Es sind alles Menschen, die nicht gefragt wurden, Menschen, die Unrecht erlitten haben, Menschen, die wehrlose Objekte der politischen Ereignisse wurden und denen keine Aufrechnung von Unrecht und keine Konfrontation von Ansprüchen wiedergutmachen kann, was ihnen angetan worden ist.

Gewaltverzicht heute heißt, den Menschen dort, wo sie das Schicksal nach dem 8. Mai hingetrieben hat und wo sie nun seit Jahrzehnten leben, eine dauerhafte, politisch unangefochtene Sicherheit für ihre Zukunft zu geben. Es heißt, den widerstreitenden Rechtsansprüchen das Verständigungsgebot überzuordnen.

Darin liegt der eigentliche, der menschliche Beitrag zu einer europäischen Friedensordnung, der von uns ausgehen kann.

Der Neuanfang in Europa nach 1945 hat dem Gedanken der Freiheit und Selbstbestimmung Siege und Niederlagen gebracht. Für uns gilt es, die Chance des Schlußstrichs unter eine lange Periode europäischer Geschichte zu nutzen, in der jedem Staat Frieden nur denkbar und sicher schien als Ergebnis eigener Überlegenheit und in der Frieden eine Zeit der Vorbereitung des nächsten Krieges bedeutete.

Die Völker Europas lieben ihre Heimat. Den Deutschen geht es nicht anders. Wer könnte der Friedensliebe eines Volkes vertrauen, das imstande wäre, seine Heimat zu vergessen?

Nein, Friedensliebe zeigt sich gerade darin, daß man seine Heimat nicht vergißt und eben deshalb entschlossen ist, alles zu tun, um immer in Frieden miteinander zu leben. Heimatliebe eines Vertriebenen ist kein Revanchismus.

VI.

Stärker als früher hat der letzte Krieg die Friedenssehnsucht im Herzen der Menschen geweckt. Die Versöhnungsarbeit von Kirchen fand eine tiefe Resonanz. Für die Verständigungsarbeit von jungen Menschen gibt es viele Beispiele. Ich denke an die "Aktion Sühnezeichen" mit ihrer Tätigkeit in Auschwitz und Israel. Eine Gemeinde der niederrheinischen Stadt Kleve erhielt neulich Brote aus polnischen Gemeinden als Zeichen der Aussöhnung und Gemeinschaft. Eines dieser Brote hat sie an einen Lehrer nach England geschickt. Denn dieser Lehrer aus England war aus der Anonymität herausgetreten und hatte geschrieben, er habe damals im Krieg als Bombenflieger Kirchen und Wohnhäuser in Kleve zerstört und wünsche sich ein Zeichen der Aussöhnung.

Es hilft unendlich viel zum Frieden, nicht auf den anderen zu warten, bis er kommt, sondern auf ihn zuzugehen, wie dieser Mann es getan hat.

VII.

In seiner Folge hat der Krieg alte Gegner menschlich und auch politisch einander nähergebracht. Schon 1946 rief der amerikanische Außenminister Byrnes in seiner denkwürdigen Stuttgarter Rede zur Verständigung in Europa und dazu auf, dem deutschen Volk auf seinem Weg in eine freie und friedliebende Zukunft zu helfen.

Unzählige amerikanische Bürger haben damals mit ihren privaten Mitteln uns Deutsche, die Besiegten, unterstützt, um die Wunden des Krieges zu heilen.

Dank der Weitsicht von Franzosen wie Jean Monnet und Robert Schuman und von Deutschen wie Konrad Adenauer endete eine alte Feindschaft zwischen Franzosen und Deutschen für immer.

Ein neuer Strom von Aufbauwillen und Energie ging durch das eigene Land. Manche alte Gräben wurden zugeschüttet, konfessionelle Gegensätze und soziale Spannungen verloren an Schärfe. Partnerschaftlich ging man ans Werk.

Es gab keine "Stunde Null", aber wir hatten die Chance zu einem Neubeginn. Wir haben sie genutzt so gut wir konnten. An die Stelle der Unfreiheit haben wir die demokratische Freiheit gesetzt.

Vier Jahre nach Kriegsende, 1949, am 8. Mai, beschloß der Parlamentarische Rat unser Grundgesetz. Über Parteigrenzen hinweg gaben seine Demokraten die Antwort auf Krieg und Gewaltherrschaft im Artikel 1 unserer Verfassung:

"Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt."

Auch an diese Bedeutung des 8. Mai gilt es heute zu erinnern.

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein weltweit geachteter Staat geworden. Sie gehört zu den hochentwickelten Industrieländern der Welt. Mit ihrer wirtschaftlichen Kraft weiß sie sich mitverantwortlich dafür, Hunger und Not in der Welt zu bekämpfen und zu einem sozialen Ausgleich unter den Völkern beizutragen.

Wir leben seit vierzig Jahren in Frieden und Freiheit, und wir haben durch unsere Politik unter den freien Völkern des Atlantischen Bündnisses und der Europäischen Gemeinschaft dazu selbst einen großen Beitrag geleistet.

Nie gab es auf deutschem Boden einen besseren Schutz der Freiheitsrechte des Bürgers als heute. Ein dichtes soziales Netz, das den Vergleich mit keiner anderen Gesellschaft zu scheuen braucht, sichert die Lebensgrundlage der Menschen.

Hatten sich bei Kriegsende viele Deutsche noch darum bemüht, ihren Paß zu verbergen oder gegen einen anderen einzutauschen, so ist heute unsere Staatsbürgerschaft ein angesehenes Recht.

Wir haben wahrlich keinen Grund zu Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit. Aber wir dürfen uns der Entwicklung dieser vierzig Jahre dankbar erinnern, wenn wir das eigene historische Gedächtnis als Leitlinie für unser Verhalten in der Gegenwart und für die ungelösten Aufgaben, die auf uns warten, nutzen.

- Wenn wir uns daran erinnern, daß Geisteskranke im Dritten Reich getötet wurden, werden wir die Zuwendung zu psychisch kranken Bürgern als unsere eigene Aufgabe verstehen.
- Wenn wir uns erinnern, wie rassisch, religiös und politisch Verfolgte, die vom sicheren Tod bedroht waren, oft vor geschlossenen Grenzen anderer Staaten standen, werden wir vor denen, die heute wirklich verfolgt sind und bei uns Schutz suchen, die Tür nicht verschließen.
- Wenn wir uns der Verfolgung des freien Geistes während der Diktatur besinnen, werden wir die Freiheit jedes Gedankens und jeder Kritik schützen, so sehr sie sich auch gegen uns selbst richten mag.
- Wer über die Verhältnisse im Nahen Osten urteilt, der möge an das Schicksal denken, das Deutsche den jüdischen Mitmenschen bereiteten und das die Gründung des Staates Israel unter Bedingungen auslöste, die noch heute die Menschen in dieser Region belasten und gefährden.
- Wenn wir daran denken, was unsere östlichen Nachbarn im Kriege erleiden mußten, werden wir besser verstehen, daß der Ausgleich, die Entspannung und die friedliche Nachbarschaft mit diesen Ländern zentrale Aufgaben der deutschen Außenpolitik bleiben. Es gilt, daß beide Seiten sich erinnern und beide Seiten einander achten. Sie haben menschlich, sie haben kulturell, sie haben letzten Endes auch geschichtlich allen Grund dazu.

Der Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Michail Gorbatschow hat verlautbart, es ginge der sowjetischen Führung beim 40. Jahrestag des Kriegsendes nicht darum, antideutsche Gefühle zu schüren. Die Sowjetunion trete für Freundschaft zwischen den Völkern ein.

Gerade wenn wir Fragen auch an sowjetische Beiträge zur Verständigung zwischen Ost und West und zur Achtung von Menschenrechten in allen Teilen Europas haben, gerade dann sollten wir dieses Zeichen aus Moskau nicht überhören. Wir wollen Freundschaft mit den Völkern der Sowjetunion.

VIII.

Vierzig Jahre nach dem Ende des Krieges ist das deutsche Volk nach wie vor geteilt.

Beim Gedenkgottesdienst in der Kreuzkirche zu Dresden sagte Bischof Hempel im Februar dieses Jahres: "Es lastet, es blutet, daß zwei deutsche Staaten entstanden sind mit ihrer schweren Grenze. Es lastet und blutet die Fülle der Grenzen überhaupt. Es lasten die Waffen."

Vor kurzem wurde in Baltimore in den Vereinigten Staaten eine Ausstellung "Juden in Deutschland" eröffnet. Die Botschafter beider deutscher Staaten waren der Einladung gefolgt. Der gastgebende Präsident der Johns-Hopkins-Universität begrüßte sie zusammen. Er verwies darauf, daß alle Deutschen auf dem Boden derselben historischen Entwicklung stehen. Eine gemeinsame Vergangenheit verknüpfte sie mit einem Band. Ein solches Band könne eine Freude oder ein Problem sein - es sei immer eine Quelle der Hoffnung.

Wir Deutschen sind ein Volk und eine Nation. Wir fühlen uns zusammengehörig, weil wir dieselbe Geschichte durchlebt haben.

Auch den 8. Mai 1945 haben wir als gemeinsames Schicksal unseres Volkes erlebt, das uns eint. Wir fühlen uns zusammengehörig in unserem Willen zum Frieden. Von deutschem Boden in beiden Staaten sollen Frieden und gute Nachbarschaft mit allen Ländern ausgehen. Auch andere sollen ihn nicht zur Gefahr für den Frieden werden lassen.

Die Menschen in Deutschland wollen gemeinsam einen Frieden, der Gerechtigkeit und Menschenrecht für alle Völker einschließt, auch für das unsrige.

Nicht ein Europa der Mauern kann sich über Grenzen hinweg versöhnen, sondern ein Kontinent, der seinen Grenzen das Trennende nimmt. Gerade daran mahnt uns das Ende des Zweiten Weltkrieges.

Wir haben die Zuversicht, daß der 8. Mai nicht das letzte Datum unserer Geschichte bleibt, das für alle Deutschen verbindlich ist.

IX.

Manche junge Menschen haben sich und uns in den letzten Monaten gefragt, warum es vierzig Jahre nach Ende des Krieges zu so lebhaften Auseinandersetzungen über die Vergangenheit gekommen ist. Warum lebhafter als nach fünfundzwanzig oder dreißig Jahren? Worin liegt die innere Notwendigkeit dafür?

Es ist nicht leicht, solche Fragen zu beantworten. Aber wir sollten die Gründe dafür nicht vornehmlich in äußeren Einflüssen suchen, obwohl es diese zweifellos auch gegeben hat.

Vierzig Jahre spielen in der Zeitspanne von Menschenleben und Völkerschicksalen eine große Rolle.

Auch hier erlauben Sie mir noch einmal einen Blick auf das Alte Testament, das für jeden Menschen unabhängig von seinem Glauben tiefe Einsichten aufbewahrt. Dort spielen vierzig Jahre eine häufig wiederkehrende, eine wesentliche Rolle.

Vierzig Jahre sollte Israel in der Wüste bleiben, bevor der neue Abschnitt in der Geschichte mit dem Einzug ins verheißene Land begann.

Vierzig Jahre waren notwendig für einen vollständigen Wechsel der damals verantwortlichen Vätergeneration.

An anderer Stelle aber (Buch der Richter) wird aufgezeichnet, wie oft die Erinnerung an erfahrene Hilfe und Rettung nur vierzig Jahre dauerte. Wenn die Erinnerung abriß, war die Ruhe zu Ende.

So bedeuten vierzig Jahre stets einen großen Einschnitt. Sie wirken sich aus im Bewußtsein der Menschen, sei es als Ende einer dunklen Zeit mit der Zuversicht auf eine neue und gute Zukunft, sei es als Gefahr des Vergessens und als Warnung vor den Folgen. Über beides lohnt es sich nachzudenken.

Bei uns ist eine neue Generation in die politische Verantwortung hereingewachsen. Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird.

Wir Älteren schulden der Jugend nicht die Erfüllung von Träumen, sondern Aufrichtigkeit. Wir müssen den Jüngeren helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten. Wir wollen ihnen helfen, sich auf die geschichtliche Wahrheit nüchtern und ohne Einseitigkeit einzulassen, ohne Flucht in utopische Heilslehren, aber auch ohne moralische Überheblichkeit.

Wir lernen aus unserer eigenen Geschichte, wozu der Mensch fähig ist. Deshalb dürfen wir uns nicht einbilden, wir seien nun als Menschen anders und besser geworden.

Es gibt keine endgültig errungene moralische Vollkommenheit - für niemanden und kein Land! Wir haben als Menschen gelernt, wir bleiben als Menschen gefährdet. Aber wir haben die Kraft, Gefährdungen immer von neuem zu überwinden.

Hitler hat stets damit gearbeitet, Vorurteile, Feindschaften und Haß zu schüren.

Die Bitte an die jungen Menschen lautet:

Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß
gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder Türken,
gegen Alternative oder Konservative,
gegen Schwarz oder Weiß.

Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.

Lassen Sie auch uns als demokratisch gewählte Politiker dies immer wieder beherzigen und ein Beispiel geben.

Ehren wir die Freiheit.
Arbeiten wir für den Frieden.
Halten wir uns an das Recht.
Dienen wir unseren inneren Maßstäben der Gerechtigkeit.
Schauen wir am heutigen 8. Mai, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge.

Freitag, Januar 30, 2015

Der letzte Schneemann


Mittwoch, Januar 28, 2015

(No) Pegida?!

Die SPD-Basis über Sigmar Gabriel 2009 nach dessen Aussage, die SPD müsse wieder stärker an die Basis gehen, dorthin, wo es brodelt, manchmal riecht und gelegentlich auch stinkt: *Applaus Applaus*

Die SPD-Basis über Sigmar Gabriel 2015 nach dessen Besuch bei einer von der sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung durchgeführten Diskussionsveranstaltung mit Anhängern und Gegnern der islamkritischen Protestbewegung "Pegida": *Buh Buh*

Liebe Genossinnen und Genossen, was genau glaubt ihr denn hat Sigmar Gabriel 2009 genau gemeint? Man sollte nicht gleich in Hysterie verfallen und Diskussion mit Zustimmung verwechseln/unterstellen. Was wenn denn nicht der Dialog ist die stärkste Waffe in einer Demokratie? Denn wo Dialog beginnt zu enden, fängt Politikverdrossenheit an. Ich bin Sigmar Gabriel dankbar für diesen Schritt.

P.S.: Die innerparteiliche Abstimmung ist dennoch verbesserungswürdig :-)

Dienstag, Januar 27, 2015

Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

Bundespräsident Joachim Gauck hat am 27. Januar zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus eine bewegende Rede gehalten:
"Heute vor 70 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz durch Soldaten der Roten Armee befreit. Vor bald 20 Jahren versammelte sich der Bundestag erstmals, um mit einem eigenen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. Die Erinnerung dürfe nicht enden, forderte damals Bundespräsident Roman Herzog. Und er sagte: ""Ohne Erinnerung gibt es weder Überwindung des Bösen noch Lehren für die Zukunft.""

Viele prominente Zeitzeugen haben seitdem hier vor dem Hohen Haus geredet – Überlebende aus den Konzentrationslagern, aus den Ghettos und dem Untergrund, auch Überlebende belagerter, ausgehungerter Städte. In bewegenden Worten haben sie uns teilhaben lassen an ihrem Schicksal. Und sie haben gesprochen über das Verhältnis zwischen ihren Völkern und den Deutschen, in dem nach den Gräueltaten der Nationalsozialisten nichts mehr so war wie zuvor.

Erlauben Sie mir, auch heute zunächst einen Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen, einen Zeitzeugen allerdings, der den Holocaust selbst nicht überlebte. Seine Tagebücher aber sind überliefert und veröffentlicht, wenn auch erst 65 Jahre nach seinem Tod.

Ich spreche von Willy Cohn. Er stammte aus einer gut situierten Kaufmannsfamilie und unterrichtete an einem Breslauer Gymnasium. Er war ein orthodoxer Jude, tief verbunden mit deutscher Kultur und Geschichte, im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz. Unter dem NS-Regime verlor Cohn seine Arbeit, er verlor Freunde und Verwandte durch Selbstmord und Ausreise. Er ahnte das Ende, als ihn Nachrichten von der Errichtung der Ghettos im besetzten Polen erreichten und von Massenerschießungen in Lemberg. Doch obwohl er all dies wusste, bewahrte sich Cohn eine nahezu unerschütterliche Treue zu dem Land, das ihm das seine schien. ""Ich liebe Deutschland so"", schrieb er, ""dass diese Liebe auch durch alle Unannehmlichkeiten nicht erschüttert werden kann. […] Man muss loyal genug sein, um sich auch einer Regierung zu fügen, die aus einem ganz anderen Lager kommt.""

Cohns Loyalität, deren Unbedingtheit uns fast unbegreiflich erscheint, weil wir den weiteren Verlauf der Geschichte kennen, Cohns Loyalität wurde auf das Bitterste enttäuscht. Am 25. November 1941 verluden willige Helfer seine Familie in einen der ersten Züge, die Juden aus Breslau in den Tod deportierten. Tamara, die jüngste Tochter von Willy Cohn, war gerade drei Jahre alt. Vier Tage später hielt der SS-Standartenführer Karl Jäger fest, dass 2.000 Juden im litauischen Kaunas mit Maschinengewehren erschossen worden seien.

Der deutsch-jüdische Schriftsteller Jakob Wassermann, der in den 1920er Jahren zu den meistgelesenen Autoren zählte, hatte bereits Ende des Ersten Weltkrieges desillusioniert geschrieben: Es sei vergeblich, unter das Volk der Dichter und Denker zu gehen und ihnen die Hand zu bieten. ""Sie sagen"", schrieb er, ""was nimmt er sich heraus mit seiner jüdischen Aufdringlichkeit? Es ist vergeblich, für sie zu leben und für sie zu sterben. Sie sagen: er ist Jude.""

Der Jude der Antisemiten war kein Wesen aus Fleisch und Blut. Er galt als das Böse schlechthin und diente als Projektionsfläche für jede Art von Ängsten, Stereotypen und Feindbildern, sogar solchen, die einander ausschließen. Allerdings ist niemand in seinem Judenhass so weit gegangen wie die Nationalsozialisten. Mit ihrem Rassenwahn machten sie sich zu Herren über Leben und Tod.

Diese sogenannten ""Herrenmenschen"" schreckten auch nicht davor zurück, angeblich ""unwertes"" Leben zu vernichten, Menschen zu sterilisieren und den politischen Gegner auszuschalten. Sie alle wurden Opfer des nationalsozialistischen Säuberungswahns: Sinti und Roma, die slawischen Völker, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen, Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, widerständige Christen, Zeugen Jehovas und alle anderen, die sich dem staatlichen Terror widersetzten.

Was uns aber am meisten entsetzt: Nie zuvor hat ein Staat ganze Menschengruppen so systematisch stigmatisiert, separiert und vernichtet: in so großer Zahl, mit eigens geschaffenen Todeslagern und einer präzise durchorganisierten, unerbittlichen und hocheffizient betriebenen Tötungsmaschinerie – so wie in Auschwitz, das zum Symbol für den Holocaust wurde. So wie in den übrigen Vernichtungslagern im besetzten Polen: Treblinka, Majdanek, Bełżec, Sobibor und Kulmhof. In anderen Lagern wurden die Menschen durch Hunger, Zwangsarbeit und unmenschliche Grausamkeiten dahingerafft. Und Zehntausende wurden bei Massenexekutionen in den eroberten Orten des Ostens erschossen und in Massengräbern verscharrt, wie in Kamenez-Podolsk und Babi Jar.

Es waren die Truppen der Alliierten, die diesem Morden bei ihrem Vormarsch ein Ende bereiteten. Die Vernichtungslager im Osten wurden von den Sowjetsoldaten befreit. Vor ihnen, die allein bei der Befreiung von Auschwitz 231 Kameraden verloren, verneigen wir uns auch heute in Respekt und Dankbarkeit.

Gedenktage führen eine Gesellschaft zusammen in der Reflexion über die gemeinsame Geschichte. Denn ob wir es wollen oder nicht: Einschneidende Ereignisse hinterlassen ihre Spuren – bei den Akteuren und Zeitzeugen, aber auch bei den nachfolgenden Generationen.

Eine der wichtigsten Lehren aus dem Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit lautet zweifellos, dass Verschweigen offenkundiges Verbrechen und offenkundige Schuld nicht tilgt. Das erlebten West- und Ostdeutsche in einem ganz unterschiedlichen Umfeld, im Kern jedoch auf ganz ähnliche Weise.

Gleich nach dem Krieg stand der Wiederaufbau im Vordergrund. In den Jahren des Wirtschaftswunders schauten im Westen zu viele Menschen nur nach vorn, und zu wenige auch zurück. NS-Verbrechen verfolgte die Justiz nur schleppend und in Einzelfällen. Mochten einzelne Intellektuelle und Schriftsteller die NS-Zeit auch thematisieren, mochten einzelne Filme, Romane und Tagebücher auch auf jüdische Schicksale verweisen – etwa auf das von Anne Frank –, so blieb die Mehrheit davon doch unberührt. Sie schottete sich ab und schützte sich vor Schuld- und Schamgefühlen, indem sie die Erinnerung verweigerte.

Im Rückblick ist es beschämend, dass aus den Opfern von einst nun Bittsteller wurden – beschämend, wenn bei Entschädigungen das Leiden von Opfern der Deutschen weniger wert war als das Leiden deutscher Opfer. Die Bevölkerung der jungen Bundesrepublik kannte wenig Mitgefühl mit den Opfern nationalsozialistischer Gewalt. Das Wiedergutmachungsabkommen mit Israel war in der Öffentlichkeit keineswegs populär.

Das Schweigen wurde erst allmählich durchbrochen, als Ende der 1950er Jahre größere Prozesse gegen nationalsozialistische Täter begannen – der Ulmer Einsatzgruppenprozess, der Prozess gegen Adolf Eichmann, die Auschwitz-Prozesse. Sie machten das Ausmaß der Verbrechen sichtbar. Auf Betreiben des unerschrockenen hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer berichteten Hunderte von Zeugen über Gräueltaten, die belegten, dass es ein ganzes System der Vernichtung gab, ein System, das viele nicht für vorstellbar gehalten hatten. Zwar war das Erschrecken in der Öffentlichkeit groß. Aber eine wirklich umfassende Betroffenheit stellte sich noch nicht ein. Die meisten Deutschen sprachen sich selbst frei, indem sie Schuld und Verantwortung einer kleinen Zahl von Fanatikern und Sadisten zuschoben – Hitler und seiner allernächsten Umgebung. Die übrigen galten als angeblich hilflose Rädchen in einem Getriebe, als reine Befehlsempfänger, die gezwungen waren, auszuführen, was ihnen im Grunde fremd gewesen sei.

Die juristische Aufarbeitung sollte letztlich sehr unbefriedigend bleiben. Sehr viele Richter und Staatsanwälte waren an verantwortlichen Stellen des nationalsozialistischen Regimes tätig gewesen. Sie sahen keinen Bedarf für Strafverfolgung oder relativierten die strafrechtliche Verantwortung.

Anders hingegen verhielt es sich mit der selbstkritischen Reflexion. In den 1960er Jahren setzten Intellektuelle wie Alexander und Margarete Mitscherlich fort, was Hannah Arendt schon früher begonnen hatte. Sie fragten auch nach der Mitschuld des ""kleinen Mannes"", der sich einem verbrecherischen Führer verschrieben hatte und für die Folgen keine Verantwortung übernehmen wollte. Erst da gewann die Auseinandersetzung mit den Verbrechen größere gesellschaftliche Bedeutung. Vorangetrieben und unterstützt durch eine wachsende Zahl kritischer Intellektueller und Künstler lernten die Westdeutschen langsam zu akzeptieren, dass es auch ganz ""normale"" Männer und Frauen gewesen waren, die ihre Menschlichkeit, ihr Gewissen und ihre Moral verloren hatten: oft Menschen aus der nächsten Nachbarschaft, sogar Freunde und Mitglieder der eigenen Familie.

Mit der Fernsehserie ""Holocaust"" Ende der 1970er Jahre erschloss sich einer wirklich breiten Öffentlichkeit schließlich die Perspektive der Opfer. Nie zuvor hatten sich – in West und Ost – so viele Deutsche dem Schicksal einer jüdischen Familie gestellt. Niemals zuvor hatten sich so viele davon so tief berühren lassen.

Seit jener Zeit ist das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus zu einem festen Bestandteil unseres Selbstverständnisses geworden. Jede Generation, ja, jedes Jahrzehnt hat sich des Themas auf eigene Weise vergewissert – oft in heftigen Debatten wie im Historikerstreit oder in der Auseinandersetzung um das Holocaust-Mahnmal. Und weil auch künftige Generationen ihren eigenen Zugang suchen und finden werden, bin ich sicher, dass die Erinnerung an die Verbrechen aus der nationalsozialistischen Zeit lebendig bleiben wird.

Und im anderen Teil Deutschlands? Ich weiß zwar, dass die junge DDR viele Menschen an sich zu binden verstand, weil sie als der antifaschistische, also der bessere deutsche Staat erschien. Viele von denen, die belastet waren, wurden tatsächlich durch Kommunisten und Antifaschisten ersetzt. Antifaschistische Lektüre und antifaschistische Filme bewegten zu Mitgefühl mit ermordeten Widerstandskämpfern. Loyalität gegenüber der DDR erschien als moralisches Gebot.

"Die DDR, mein Vaterland / ist sauber immerhin
Die Wiederkehr der Nazizeit / ist absolut nicht drin",

dichtete Wolf Biermann noch in den 1960er Jahren.

Der staatliche Antifaschismus der DDR diente allerdings auch als Ersatz für fehlende demokratische Legitimation. Und indem er die Gesellschaft pauschal von der rechtlichen und moralischen Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen freisprach, beförderte auch er das Verdrängen von Versagen und Schuld, gerade auch des sogenannten ""kleinen Mannes"".

Er ersparte ihm die kritische Selbstreflexion und ermöglichte dem Belasteten und sogar noch dem Schuldigen, sich auf die Seite der Guten zu schlagen, zu den antifaschistischen Siegern. Das Gedenken galt zudem fast nur den Widerstandskämpfern. An die jüdischen Opfer, die aus Gründen der Rassenideologie ausgelöscht worden waren, erinnern die Gedenkstätten im Osten Deutschlands angemessen erst seit dem Untergang der DDR.

Die ""zweite Schuld"", von der Ralph Giordano sprach, also der Unwille, sich der Aufarbeitung der Verbrechen zu stellen und die Opfer zu entschädigen, diese zweite Schuld gab es in Deutschland zwei Mal – in der frühen Bundesrepublik wie auch in der DDR.

Im Laufe der Zeit hat die Bundesrepublik, auch die wiedervereinigte, die Konfrontation mit den Verbrechen der Vergangenheit zu einem Kernbestand ihrer Geschichtserzählung gemacht. Auch dadurch ist sie zum glaubwürdigen Partner für ein friedvolles und gleichberechtigtes Zusammenleben von Bürgern und Nationen geworden, akzeptiert sogar von vielen Opfern und ihren Nachkommen. So haben in den 1990er Jahren Abertausende von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion die jüdischen Gemeinden in Deutschland belebt und neue gegründet, weil sie an dieses Deutschland glauben. Und der frühere israelische Staatspräsident Shimon Peres hat hier an dieser Stelle von der einzigartigen Freundschaft zwischen Deutschland und Israel gesprochen. Ohne den Blick zurück wäre uns dieses Geschenk nicht zuteil geworden.

Zugleich wissen wir: Gedenktage können zu einem Ritual erstarren, zu einer leeren Hülle, gefüllt mit den stets gleichen Beschwörungsformeln. Wir wissen auch: Gedenktage allein bewahren uns nicht davor, im Hier und Heute gleichgültig zu werden.

Ich erinnere mich an die Feier anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Zu den Rednern gehörte Thomas Buergenthal: Mit knapp elf Jahren hatte er den Todesmarsch von Auschwitz nach Sachsenhausen überlebt, nach dem Krieg war er in die Vereinigten Staaten emigriert, hatte sich als Jurist auf Völkerrecht und Menschenrechte spezialisiert und war als Richter beim Internationalen Gerichtshof an der Verfolgung von Völkermord beteiligt.

Mir sind seine Worte damals sehr nachgegangen, denn er konfrontierte das Auditorium mit einer unbequemen Wahrheit. Was ist es wert, fragte Buergenthal, dieses ""Nie wieder"", das zentrale Versprechen nach Auschwitz? Gab es nicht – so Buergenthal damals – Kambodscha, Ruanda und Darfur? Gab es nicht – so könnten wir hinzufügen – Srebrenica? Und gibt es heute nicht Syrien und Irak? Auch wenn hier die Verbrechen nicht die Dimension nationalsozialistischen Mordens erreichten und erreichen, so sei es doch schrecklich entmutigend, erklärte Thomas Buergenthal, und ich zitiere, ""wenn Genozid und Massenmord fast Routine werden"". Wenn die Welt ""Nie wieder"" erkläre, aber ""die Augen vor dem nächsten Genozid"" verschließe.

Gestatten Sie mir, nicht einfach bei der Konstatierung dieser bedrückenden Tatsache stehenzubleiben, sondern weiter nachzufragen: Sind wir denn bereit und fähig zur Prävention, damit es gar nicht erst zu Massenmorden kommt? Sind wir überhaupt imstande, derartige Verbrechen zu beenden und sie zu ahnden? Fehlt manchmal nicht auch der Wille, sich einzusetzen gegen solche Verbrechen gegen die Menschlichkeit?

Es ist ein großer Erfolg, dass Völkermord seit 1948 verfolgt werden kann, nämlich seit der Verabschiedung der UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes. Internationale Strafgerichtshöfe sind mehrfach tätig geworden. Sie können gegen jene ermitteln, die danach trachten, – ich zitiere – ""eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihr Volkstum bestimmte Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören"".

Zugleich konfrontiert uns die Entwicklung aber auch mit der bitteren Erkenntnis, dass Strafe nur selten abschreckend wirkt und Prävention bislang selten rechtzeitig erfolgte. Ist die mörderische Dynamik erst einmal in Gang gesetzt, ist sie nur schwer zu stoppen. Oft ist Hilfe sogar unmöglich. Weil wir nicht allmächtig sind, haben wir zu leben mit der moralischen Bürde, das Leben von Menschen nicht immer und überall schützen zu können. Ebenso wenig, wie der Schalom, der Zustand umfassender Glückseligkeit, jemals auf Erden zu erreichen ist, wird sich das ""Nie wieder"" gänzlich erfüllen. Als moralisches Gebot, als innerer Kompass, bleibt es dennoch unverzichtbar. Denn das Streben nach friedlichem und gerechtem Zusammenleben von Menschen und Völkern ist eine wichtige, ja, wohl die wichtigste Richtschnur unseres Handelns. Und wenn wir das Unheil schon nicht gänzlich zu bannen vermögen, so sind wir doch angehalten, es zu ächten und dafür zu arbeiten, es nicht soweit kommen zu lassen.

Gewiss werden nachfolgende Generationen neue Formen des Gedenkens suchen. Und mag der Holocaust auch nicht mehr für alle Bürger zu den Kernelementen deutscher Identität zählen, so gilt doch weiterhin: Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz. Die Erinnerung an den Holocaust bleibt eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben. Er gehört zur Geschichte dieses Landes. Und es bleibt etwas Spezifisches: hier in Deutschland, wo wir täglich an Häusern vorbeigehen, aus denen Juden deportiert wurden; hier in Deutschland, wo die Vernichtung geplant und organisiert wurde; hier ist der Schrecken der Vergangenheit näher und die Verantwortung für Gegenwart und Zukunft größer und verpflichtender als anderswo.

In manchem Gespräch und in mancher Studie begegnet mir die Befürchtung, das Interesse der jungen Generation an den nationalsozialistischen Verbrechen werde schwinden. Ich teile diese Sorge nicht, bin mir aber bewusst, dass sich die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit weiter verändern wird und verändern muss. Viele Zeitzeugen hatten die Vergangenheit verdrängt, ihre Kinder die Verdrängung beklagt. Bei den Enkeln zeigt sich jetzt, dass zunehmende Distanz auch von Vorteil sein kann. Die Jungen können sich der schambehafteten Vergangenheit offener und uneingeschränkter stellen. Es überrascht immer wieder, in welchem Maße gerade Enkel und Urenkel verschüttete, tabuisierte Familiengeschichten erforschen, die jüdische Vergangenheit ihrer Wohnhäuser und Stadtteile erkunden und sich in Biographien von Verfolgten und Verfolgern versenken. Und wie sie in Menschen, die Juden retteten, nicht allein moralische Vorbilder sehen, sondern auch den Gegenbeweis zur alten These: Man hätte ja doch nichts tun können!

Selbst wenn wir in Zukunft auf die Begegnung mit Zeitzeugen verzichten müssen, so muss die emotionale Betroffenheit nicht verloren gehen. Auch Angehörige der dritten und vierten Generation, auch Menschen ohne deutsche Wurzeln fühlen sich berührt, wenn sie in Auschwitz auf Koffern der Ermordeten die Namen ihrer einstigen Besitzer entdecken. Wenn sie in der verlorenen Weite von Birkenau auf die Reste der gesprengten Krematorien stoßen. Wenn sie das ""Tagebuch der Anne Frank"" lesen oder den Film ""Der Pianist"" sehen. Wir erleben immer wieder, dass Autobiographien, Dokumentationen, Spielfilme, Interviews mit Überlebenden oder Besuche an ehemaligen Stätten des Grauens auch jungen Menschen vergangenes Leid erschließen und ihre Seelen öffnen.

Betroffenheit stellt sich auch nicht nur bei jungen Menschen ein, die einen familiären Bezug zur nationalsozialistischen Vergangenheit haben. Betroffen reagieren auch Menschen, die in der deutschen Geschichte erkennen, was menschenmöglich ist, und dass sich Menschenfeindlichkeit, Fanatismus und Mordbereitschaft in anderem Gewand anderswo wiederholen können.

""Das haben Menschen Menschen angetan"": Auf diesen so einfach wie erschreckenden Nenner brachte die polnische Schriftstellerin Zofia Nałkowska, was sie als Mitglied einer internationalen Untersuchungskommission unmittelbar nach der Befreiung in den Konzentrationslagern gesehen hatte. Diese universelle Dimension des Holocaust ließ die Vereinten Nationen im Jahr 2005 den Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust beschließen – als eine Verpflichtung des Menschen gegenüber dem Menschen.

Der Holocaust als Menschheitsverbrechen – diesen Weg der Annäherung haben auch Eingewanderte, selbst wenn sie sich nicht oder noch nicht als Deutsche fühlen. Dieser Weg ist nicht immer leicht. Manche Einwanderer erlitten in ihren Herkunftsländern selbst Verfolgung. Manche kommen aus Ländern, in denen Antisemitismus und Hass auf Israel verbreitet sind. Wo derartige Haltungen bei Einwanderern nachwirken und die Wahrnehmung aktueller Ereignisse bestimmen, haben wir ihnen beharrlich die historische Wahrheit zu vermitteln und sie auf die Werte dieser Gesellschaft zu verpflichten.

Wir alle, die Deutschland unser Zuhause nennen, wir alle tragen Verantwortung dafür, welchen Weg unser Land gehen wird. Eine junge Frau aus einer Einwandererfamilie hat es in einem Brief wunderbar formuliert: ""Ich habe keine deutschen Vorfahren, aber ich werde deutsche Nachfahren haben. Und die werden mich zur Rechenschaft ziehen, wenn heute Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten auf unserem Boden ausgeübt werden"".

Hier ist jemand eingetreten in eine Verantwortungsgemeinschaft, die nicht aus einer Erfahrungsgemeinschaft herrührt. Aber wir finden uns wieder in einem gemeinsamen Willen.

Solange ich lebe, werde ich darunter leiden, dass die deutsche Nation mit ihrer so achtenswerten Kultur zu den ungeheuerlichsten Menschheitsverbrechen fähig war. Selbst eine überzeugende Deutung des schrecklichen Kulturbruchs wäre nicht imstande, mein Herz und meinen Verstand zur Ruhe zu bringen. Da ist ein Bruch eingewebt in die Textur unserer nationalen Identität, der im Bewusstsein quälend lebendig bleibt. Wer ""in der Wahrheit leben"" will, wird dies niemals leugnen.

Und doch konnten wir nach den dunklen Nächten der Diktatur, nach Schuld und Scham und Reue ein taghelles Credo formulieren.

Wir taten es, als wir dem Recht seine Gültigkeit und seine Würde zurückgaben. Wir taten es, als wir Empathie mit den Opfern entwickelten. Und wir tun es heute, wenn wir uns jeder Art von Ausgrenzung und Gewalt entgegenstellen und jenen, die vor Verfolgung, Krieg und Terror zu uns flüchten, eine sichere Heimstatt bieten.

Die moralische Pflicht erfüllt sich nicht nur im Erinnern. In uns existiert auch eine tiefe, unauslöschliche Gewissheit: Aus dem Erinnern ergibt sich ein Auftrag.

Er sagt uns: Schützt und bewahrt die Mitmenschlichkeit. Schützt und bewahrt die Rechte eines jeden Menschen.

Das sagen wir gerade in Zeiten, in denen wir uns in Deutschland erneut auf das Miteinander unterschiedlicher Kulturen und Religionen zu verständigen haben. Die Gemeinschaft, in der wir alle leben wollen, wird nur dort gedeihen, wo die Würde des Einzelnen geachtet wird und wo Solidarität gelebt wird."

Montag, Januar 26, 2015

Pragmatischer Wandel in Griechenland

Was ist nicht alles geschrieben worden zum bevorstehenden politischen Wandel in Griechenland. Das gestrige Wahlergebnis selbst kann in der Tat als Zäsur bezeichnet werden. Wer sich jetzt aber den großen Wandel erhofft hat, wird schon keine 24 Stunden, nachdem die Wahlurnen geschlossen sind, von der Realität eingeholt. Denn da beginnen bereits die Sondierungen des vermeintlich linken Heilsbringer Alexis Tsipras mit den griechischen Rechtspopulisten der "Unabhängigen Griechen". Sieht so der politische Wandel aus? Wohl eher simpler Pragmatismus zur Sicherung der Macht.

Sonntag, Januar 25, 2015

70 Jahre Auschwitz

Im New Yorker Stadtrat wurde unlängst dem 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau gedacht. Aktivisten, die auf dem Balkon der Kammer saßen, unterbrachen jedoch die Sitzung mit lautem Gebrüll und entrollten eine Flagge Palästinas. David Greenfield (Democrat) hielt daraufhin folgende Rede:


Samstag, Januar 24, 2015

Mitglied beim SC Freiburg

Ich zittere nun schon genug Jahre Wochenende für Wochenende (und ab und an auch wochentags) mit dem Sportclub und lasse meine Laune (in Abhängigkeit zum jeweiligen Spielergebnis) an meinen Mitmenschen aus, so dass ich heute nun endlich meinen Antrag auf Mitgliedschaft beim Sportclub Freiburg abgeschickt habe :-)

Freitag, Januar 23, 2015

Fremdwährungskredite

Viele Kommunen stehen gerade negativ behaftet in den Schlagzeilen, weil sie Fremdwährungskredite in Schweizer Franken hatten bzw. haben und sich diese Kreditlast nun durch die Aufgabe der Wechselkursbindung des Schweizer Franken an den Euro erhöht hat. Denn durch den Wegfall der Kursbindung ist der Schweizer Franken im Vergleich zum Euro (noch weiter) gestiegen und dementsprechend auch die Kreditlast. Davon betroffen ist auch der Rheingau-Taunus-Kreis - so weit, so schlecht. Ich habe bei den Jusos schon Anträge gestellt, Kommunen Spekulationsgeschöfte jeglicher Art zu unterbinden. Fakt ist aber, dass es gesetzlich legal war und noch immer ist (auch wenn die schwarz-grüne hessische Landesregierung nun hastig ein entsprechendes Gesetzesvorhaben angekündigt hat). Fakt ist auch, dass sicher keine Kommune Kredite in fremden Währungen aufnimmt, nur um mal eben ein bisschen mit Steuergeldern am Markt zu zocken - im Gegenteil: Vor allem Kredite in Franken versprachen vor einigen Jahren signifikante und solide Wechselkursgewinne. Für verschuldete Kommunen, die vor allem in Hessen von der Landesregierung bei der Finanzausstattung sträflich alleine gelassen werden, war dies zuweilen die dringen notwendige Luft zum Atmen. Nun ist der Wechselkurs denkbar ungünstig und Wechselkurssicherungen bestanden in der Regel bei den Fremdwährungskrediten nicht, weil sie einen möglichen Wechselkursgewinn mindestens einmal aufgezehrt hätten. Die Folge ist ein bilanzieller Anstieg der Kreditschuld. Ein bilanzieller Anstieg der Kreditschuld ist aber wohlgemerkt noch kein tatsächlicher Verlust, solange ein Kredit nicht realisiert werden muss (allenfalls steigt die Zinslast, wenn in Fremdwährung zu erbringen). Und da es sich die Schweiz, abhängig von Export und Tourismus, nicht dauerhaft erlauben kann, den Franken quasi paritätisch zum Euro zu halten, was eine massive Überbewertug darstellt, heißt es nun schlicht und ergreifend die Nerven zu bewahren und keine überhasteten Aktionen zu vollziehen. Was einst die notwendige Luft zum Atmen war, bedarf nun eben eines langen Atems. Denn ansonsten wird aus einem virtuellen ein tatsächlicher Verlust.

Mittwoch, Januar 21, 2015

Welt-Jogginghosentag

Entgegen der Norm bin ich heute am Welt-Jogginghosentag nicht (!) in Jogginghose auf der Arbeit erschienen :-)

Montag, Januar 19, 2015

Abgesagt

Der für heute geplante "Abendspaziergang" von Pegida in Leipzig wurde durch die Polizei verboten, nicht etwa aus inhaltlichen, sondern aus Sicherheitsgründen aufgrund einer vermeintlichen Bedrohungslage. Unter anderem habe man einen "Tweet abgefangen", auf dem mit Anschlägen auf die Demonstration gedroht worden sei. Ich kann und möchte das nicht werten und gehe davon aus, dass die Polizei einen solchen Schritt nicht wie vereinzelt unmittelbar unterstellt wurde willkürlich vorgenommen hat, sondern in sorgfältiger Abwägung vor den womöglich drohenden Gefahren auf Leib und Leben von DemonstrationsteilnehmerInnen und der nicht zu gewährleistenden Sicherheit durch die Polizei. Wer nun aber Freude verspürt, dass Pegida seine kruden Thesen nicht unters Volk bringen kann, zelebriert einen Pyrrhussieg. Denn es kann nicht beruhigen, wenn es Terroristen mittelbar durch das Ausüben von Angst und Drohungen gelingt, die Axt an unmittelbare Grundrechte wie die der Meinungs- und Versammlungsfreiheit zu legen.

Sonntag, Januar 18, 2015

Muslime und der Regenwald

Pegida-Frontfrau Kathrin Oertel auf die Frage, warum Pegida ausgerechnet in Dresden, wo der Anteil von Muslimen nur 0,4% der Bevölkerung entspricht, so großen Zulauf hat: "In Deutschland wird auch für den Erhalt des Regenwaldes demonstriert, obwohl es hier keinen Regenwald gibt."

Samstag, Januar 17, 2015

First Beats 2015



Juso-Disco “First Beats 2015”
Die Jusos möchten dem Winter so richtig einheizen und veranstalten für alle jungen und junggebliebenen Leute ab 16 Jahren am 17. Januar im Dorfgemeinschaftshaus von Hohenstein-Breithardt eine große Disco unter dem Motto „First Beats 2015“. Die „Juso-Disco“ findet nun bereits das dritte Mal unter diesem Motto statt und erfreut sich immer stärkerer Beliebtheit.
Für „heiße Hits und coole Drinks“ ist nach Angabe der Veranstalter bestens gesorgt. Die Gäste werden mit Trance, Techno, Apres Ski und House-Music von DJ Lennart Guckes versorgt, Getränke gibt es wie immer zu erschwinglichen Preisen. Einlass zur „First Beats 2015“-Disco ist ab 20.00 Uhr, der Eintritt beträgt 6 Euro, es finden Ausweiskontrollen statt.

Freitag, Januar 16, 2015

Führungskompetenz

"Ein Heer von Schafen, das von einem Löwen geführt wird, schlägt ein Heer von Löwen, das von einem Schaf geführt wird."

- Arabisches Sprichwort -

Dienstag, Januar 13, 2015

Der frühe Vogel...

Wow, ein Save the Date einer Feuerwehr anlässlich des bevorstehenden Jubiläums in 2017 zu erhalten ist tatsächlich früh. Hut ab! :-)

Montag, Januar 12, 2015

FDP reloaded

Die FDP macht sich klein - zumindest im neuen, magenta angehauchten Logo. "Freie Demokraten" lautet nun der Claim, mit dem die FDP verlorengegangenes Vertrauen beim Wähler zurück gewinnen möchte. Die Voraussetzungen, dass dies - zumindest bis zur 5%-Hürde gelingen kann - sind da. Mit dem Aufschwung des traditionellen Dreikönigstreffens (eine der wenigen Gelegenheiten, wo die FDP noch einmal in allen relevanten Medien stattfindet), dem im Vorfeld los geschickten Spin-Doktoren ("Lindner wird eine freie Rede halten...ja, ohne Skript...wirklich frei!"), dem erweckten Eindruck eines Neustarts (neues Logo, Rückbesinnung auf Markenkern) und der bevorstehenden Hamburg-Wahl mit einer vorzeigbaren Spitzenkandidatin (die der FDP schon einmal vor vier Jahren Leben wieder eingehaucht hat) kann die FDP in Hamburg die 5% erreichen und diesen Schwung nutzen, um sich wieder in das Gedächtnis des Wählers zu bringen. Denn nichts geht schneller vergessen als eine Partei, wo die Stimme mit an ziemlicher Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im Papierkorb landet. Man kann aber auch sagen, dass es eine der letzten Chancen ist: Denn ohne wirklich inhaltliche Neuorientierung kann die Fassade auch schnell zusammenbrechen. Dann bliebe wirklich nur noch die konzeptionelle inhaltliche Neuausrichtung (dann aber auch mit neuem Personal, welches die FDP schlicht nicht mehr hat) oder das derzeit von der AfD genutzte Protestpotential. Ich fände eine stabile FDP über 5%, die sich inhaltlich nicht mehr nur an die CDU gebunden fühlt, sondern bei Beibehaltung des wirtschaftlichen Markenkerns durch bürgerfreundliche liberale Werte auch Türen zur Sozialdemkratie öffnet, spannend und wünschenswert. Auch hier könnte Hamburg ein spannendes Terrain werden, wenn es am Ende für die FDP reicht und Olaf Scholz die absolute Mehrheit verfehlen sollte.

Samstag, Januar 10, 2015

Seminarleiter

Ich habe heute mein erstes Seminar in Sachen Rhetorik vor einer Juso-Gruppe gehalten. Ein wenig Rhetorik-Basics in Sachen Methoden und Theorie und viel Praxis mit Übungen in Argumentation, Schlagfertigkeit etc.

Freitag, Januar 09, 2015

Piloxing

Wer es noch nicht kennt: Piloxing ist eine trendige Mischung aus Pilates und Boxen und - wer hätte es gedacht - vor allem für Frauen geeignet.

Donnerstag, Januar 08, 2015

MiLodokEV

Habe die Mindestlohn-Dokumentationspflichteneinschränkungsverordnung (MiLodokEV) gelesen - das komplizierte daran ist aber wirklich nur der Name :-)

Mittwoch, Januar 07, 2015

Charlie Hebdo

"I do not agree with what you have to say, but I'll defend to the death your right to say it." 

- Voltaire -

Sonntag, Januar 04, 2015

Verhaltensrichtlinien für den Umgang mit Flüchtlingen? #RefugeesWelcome

Erschreckende Vorkommnisse in meiner Heimatstadt Oestrich-Winkel, dem sich alle demokratischen Kräfte entschieden entgegen stellen müssen.
Einwohner von Oestrich-Winkel erhielten verleumderisches Flugblatt, Parteien und Stadt Oestrich-Winkel distanzieren sich
Am Samstag, den 03. Januar 2015 fanden Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt Oestrich-Winkel, welche in der Nähe der zukünftigen Flüchtlingsunterkunft in der Hauptstraße 74 wohnen, ein unwahres und verleumderisches Flugblatt in ihren Briefkästen. Es enthält zynische Behauptungen und Aufforderungen in Bezug auf Flüchtlinge und deren Unterbringung. In dem Schreiben wird behauptet, die „Stadt Oestrich-Winkel, die Wohlfahrtsverbände und Pro Asyl“ würden damit „Verhaltensrichtlinien“ an die Bevölkerung geben. Dies ist nicht wahr.
Die SPD distanziert sich mit der Stadt Oestrich-Winkel und allen anderen politischen Parteien ausdrücklich von diesem Flugblatt. Keine der genannten Stellen hat es herausgegeben. Alle in dem Schreiben enthaltenen Behauptungen und Aufforderungen sind nicht wahr und erlogen.
Die Stadtverwaltung von Oestrich-Winkel hat bei der Polizei Anzeige erstattet. Es wird angenommen, dass es sich um die kriminelle Tat eines Einzelnen handelt, der sich angemaßt hat, das offizielle Logo der Stadt Oestrich-Winkel auf das Flugblatt zu drucken, um damit den Anschein eines amtlichen Schreibens zu erwecken.
Die Stadt Oestrich-Winkel bittet die Einwohner und Einwohnerinnen das Flugblatt zu vernichten und weist darauf hin, dass die Vervielfältigung und Weitergabe strafbar ist.

Donnerstag, Januar 01, 2015

Das wird 2015

  • Hochzeit
  • The Force Awakens
  • Bootsführerschein
  • Mehr Laufen
  • Neuer Tischtennisschläger
  • Berlin
  • Mit den Fingern schnipsen lernen
  • Spiegelreflex-Kamera